Die Opfer des Holocaust besaßen ja nicht nur ihr Leben, und sie hinterließen nicht nur Möbel, Porzellanservice und Zahngold, sondern manchmal auch große Vermögen: Unternehmen, Grundstücke, Fabriken. Alle diese Werte wurden "arisiert", ihre jüdischen Eigentümer zu symbolischen Preisen ausgekauft und ruiniert, bevor sie flüchten konnten oder in KZs endeten. Was ist aus ihnen geworden, den Brauereien, Wäschefabriken, Warenhäusern, Schuhläden und Hotels? Sie wurden weitergeführt, von arischen Aufkäufern, und im Hintergrund makelte immer eine Bank. Die Geschichte des jüdischen Vermögens von 1933 bis heute wird noch zu schreiben sein. Die Grundstücke, Aktienpakete und Firmennamen sind nicht verschwunden wie ihre Besitzer und Träger, sondern profitabel in den Wirtschaftskreislauf zurückgeflossen. Sie wurden in einem beispiellosen "juristisch verbrämten, vertraglich abgesicherten Raubzug" von deutschen Volksgenossen angeeignet, unter denen die Dresdner Bank ein besonders beutehungriger war.

Nun mag man einwenden: Alle haben doch damals mitgemischt beim Ausplündern und Bestehlen; warum soll man ausgerechnet die Dresdner Bank an ihrem "Band der Sympathie" mit den Nazis aufknüpfen? Das traditionsreiche Geldinstitut ist 125 Jahre alt geworden und hat zum Jubiläum einen Blick in die Geschichte getan. Selbst Kanzler Kohl gratulierte wortmächtig. Aber auch ihm ist nicht aufgefallen, daß in dem Säkulum, welches da Revue passierte, zwölf Jahre fehlten. Nicht einmal das Schicksal der jüdischen Gründer ihrer eigenen Bank war den Festrednern ein Wörtchen wert. Also mußten Dagmar Christmann und Thomas Rautenberg die Lücke füllen. Sie entledigten sich dieser Aufgabe mit Bravour.

Ihr Jubiläumsbeitrag der besonderen Art kam ohne Präliminarien zur Sache. Nacher, Grünfeld, Tietz, Kempinski und Tack hießen einige der Firmen, an deren Arisierung die Dresdner Bank, die ein Konto für Himmler führte, Millionen verdiente - zu schweigen von der äußerst gewinnträchtigen Kooperation mit den IG Farben. Die jüdischen Fabrikanten wurden durch Rufmord, Boykott, Betrug und Gewalt zum Verkauf gezwungen, wovon überlebende Verwandte, von Christmann und Rautenberg vor die Kamera geholt, mit zitternden Stimmen berichten.

1972, zum 100. Geburtstag, schrieb die Bank in ihrer Festschrift: "1933 bis 45 haben wir unsere Betriebsstrukturen den Verhältnissen angepaßt"; heute, wo wohl kaum noch einer lebt, der seinerzeit die Strukturen anpaßte, ist sie nicht bereit, einen ihrer Vorständler zum Interview zu entsenden. Wann wohl die Bosse begreifen, wie sehr sie durch ihre Schweigetaktik dem Ansehen ihres Instituts schaden? Aber vielleicht steckt mehr dahinter - Angst vor Regreßansprüchen?

Christmann und Rautenberg haben sich mit einem schnellen, harten Film der elenden Materie gewachsen gezeigt. Wenn sie auch das Problem der fehlenden Bilder durch die bis zum Schwindel kreisende Kamera kaum lösten, entschädigten sie doch durch einen konzisen Text, den Christian Redl mit beißender Kälte vortrug. Die Zeiten ändern sich, schon gut; aber im Licht der geänderten Zeiten sehen alte Untaten noch böser aus.