Wenn ich mit den Rollschuhen losfahren will, schießt mir jedesmal dieses Schreckensbild durch den Kopf, wie ich bewußtlos im Straßengraben liege. Ich kann es nicht verdrängen, es ist einfach da, auch wenn ich bloß am Feierabend zu meiner vertrauten 25-Kilometer-Runde über die Chiemgauer Dörfer starte.

Nicht, daß ich mich unsicher fühle auf den Inlineskates. Ich rolle seit vier Jahren darauf herum, an die 4000 Kilometer dürften inzwischen zusammengekommen sein. Logisch, daß die Standfestigkeit zunimmt. Gleichzeitig wächst aber die Lust am Risiko. Liegt hier mein Problem? Irgendwie mag ich immer weniger bremsen. Bergab sowieso nicht, an Kreuzungen äußerst ungern.

Auf den wendigen Skates ist es so leicht, sich ungeachtet der Verkehrsregeln zwischen den Autos durchzuschwindeln, und wer verliert schon gern ohne Not seinen Schwung?

In der Zeitschrift Gravity, die in Boulder/Colorado erscheint, haben sie den achtzehnjährigen australischen Profiskater Matt Salerno gefragt, wann er sich dem Tod am nächsten gefühlt habe. "Ich war in Italien und bin diesen Berg in die Stadt hinuntergefahren, und ich war schnell. Dieser Typ im Auto fuhr in eine Kreuzung, er sah mich kommen, bekam Panik und blieb einfach stehen. Ich mußte über die Kühlerhaube springen, sonst wäre ich in ihn reingeknallt!" Das ist der Stoff, aus dem die Angstträume sind. Den Sprung hätte ich garantiert nicht gestanden. Also stecke ich beim Aufbruch von Schloapfading immer einen Zettel mit meiner Adresse ein (für den Fall, daß sie mich vom Asphalt kratzen müssen) sowie Telephongeld (falls ich blutüberströmt noch selbst zu einem Apparat wanken können sollte). Es ist dies wohl meine Art der vorauseilenden Gefahrenbannung, und sie funktioniert insoweit prima, als schon nach den ersten Metern auf den Rollen von meiner Angstlust nur noch die bessere Hälfte übrig ist. Darauf kann ich mich immer verlassen.

In der letzten Juliwoche beim Start zur viertägigen, 240 Kilometer langen Rollschuhtour von Coburg nach Fulda haben die Veranstalter die etwa 400 Teilnehmer mit Erkennungsmarken ausgerüstet. Meine Nummer war 159 zusammen mit dem Namen war sie in einen orangefarbenen Holzstern gedruckt, den an reißfester schwarzer Schnur stets und ständig um den Hals zu tragen wir angewiesen wurden.

Wer wollte, mochte sich an den Vietnamkrieg und seine Kalamitäten erinnert fühlen, aber eigentlich sahen sie hübsch aus, die Sterne, und wirkten wie ein freundliches Hallo unter Gleichgesinnten, wenn man abends in den Übernachtungsorten spazierenging.

Um's gleich zu sagen, es gab keine Toten, keine ernsthaft Verletzten. Es gab Stürze, sich überkugelnde Körper, es gab immer wieder das häßlich knirschende Geräusch von Knie-, Hand- und Ellenbogenschützern, die bremsend über den Asphalt scharrten, es gab geprellte Hüften, aufgeschürfte Oberschenkel und Arme, aber alle Gestürzten standen auf und fuhren weiter. Wer aufgab, tat es wegen Fußbeschwerden. Zum Beispiel Cornelia aus München, die Arme. Fit wie ein Kugellager war sie angereist und drei Tage lang immer ganz vorn dabeigewesen - unter zunehmenden Schmerzen. Morgens am vierten Tag waren ihre Fersen nur noch offenes Fleisch. Am Bahnhof in Bad Neustadt, wo Hunderte vor dem Start zur letzten 60-Kilometer-Etappe ungeduldig mit den Rollen scharrten, warf sie sich abschiednehmend in die Arme ihrer Skater-Freunde und humpelte traurig zum Zug.