Nach dem verheerenden Bombenanschlag am vorigen Mittwoch in Jerusalem setzt Israels Premierminister Netanjahu auf Härte: Die besetzten und die autonomen Gebiete in der West Bank und im Gaza-Streifen wurden bis auf weiteres abgeriegelt und die Palästinenser damit ihrer Verdienstmöglichkeiten in Israel beraubt. Gleichzeitig wird deren politischer Kopf, Jassir Arafat, erneut beschuldigt, nicht entschieden genug gegen islamistische Gewalttäter in den Autonomiegebieten zu handeln.

Vielleicht gehen dessen Sicherheitsbehörden in der Tat nicht konsequent genug gegen den palästinensischen Terrorismus vor. Dennoch schadet jeder islamistische Anschlag politisch der Autonomiebehörde und Arafat mehr als der Regierung Netanjahu. Der Hamas-Terror liefert ihr einen idealen Vorwand, die eigene Machtpolitik - vor allem die mangelnde Bereitschaft, sich gemäß den Vereinbarungen von Oslo aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen - unter Hinweis auf "legitime Sicherheitsinteressen" zu rechtfertigen. Arafat wiederum steht vor dem unlösbaren Dilemma, einerseits die islamischen Fundamentalisten in Schach halten zu müssen, andererseits aber den Bogen nicht überspannen zu dürfen, um eine bewaffnete Konfrontation unter den Palästinensern zu vermeiden.

Nüchtern besehen, gibt es gegen fanatische Selbstmordkommandos keinen wirksamen Schutz. Die einzig sinnvolle Strategie besteht darin, ihnen den gesellschaftlichen Nährboden zu entziehen. Das Argument mancher Israelis, mit dem Friedensprozeß sei überhaupt erst der Hamas-Terror gekommen, ist demagogisch. Oslo war der Versuch von kompromißbereiten Politikern auf beiden Seiten, Frieden zu stiften, mit dem unausgesprochenen Ziel, am Ende in den seit 1967 von Israel besetzten Gebieten einen palästinensischen Staat zu gründen. Vor allem die Hamas, die in den achtziger Jahren zur Massenbewegung wurde, hielt den in Oslo 1993 eingeschlagenen Weg für falsch und kritisierte den "Ausverkauf palästinensischer Interessen".

Netanjahu und die israelische Rechte setzten schon nach ihrer Machtübernahme im Juni vorigen Jahres die Osloer Verträge de facto außer Kraft. Der Zeitplan für den israelischen Truppenabzug wurde bewußt verzögert, um derweil durch den Neubau oder die Erweiterung bestehender jüdischer Siedlungen Tatsachen zu schaffen. Die politische Ohnmacht der Palästinenser und ihre anhaltende wirtschaftliche Misere - eine Folge der Besatzungspolitik - verschafften der Hamas Zulauf und brachten Arafat in ernsthafte Bedrängnis. Netanjahus Visionen eines Großisrael vertragen sich nicht mit der bislang von Arafat verkörperten Sehnsucht nach einem palästinensischen Staat. Israels Allgewalt zeigt sich in seiner Macht, bestehende Verträge und internationales Recht straflos ignorieren zu können, während die Palästinenser jeden Tag erneut ihre Rechtlosigkeit erfahren und wirtschaftlich auf Dritte-Welt-Niveau verharren. Dadurch wird jenes Umfeld gestärkt, in dem der Terror gedeiht. Als Rabin und Peres in Israel regierten, waren sich beide Seiten, die Arbeitspartei und die PLO, darüber einig, den Frieden gegen die Radikalen hüben wie drüben durchzusetzen. Die islamistische Hamas befand sich politisch in der Defensive, ihr gemäßigter Flügel suchte die Zusammenarbeit mit der PLO.

Dieser Konsens von Oslo gegen die Radikalen fehlt heute, der Ideologe Netanjahu hat den Palästinensern nichts zu bieten außer Willkür und Drohungen. Gleichzeitig schwindet Arafat zunehmend der Rückhalt: Die massive Korruption in den Reihen der Autonomiebehörde ist nicht allein Ausdruck mangelnden Demokratieverständnisses der palästinensischen Führung. Sie ist auch der Versuch, Loyalität durch finanzielle Zuwendungen und Postenschieberei zu kaufen.

Nutznießer dieser Entwicklung ist die Hamas, laut Eigenwerbung die "Stimme der Entrechteten". Aus ihren Reihen rekrutieren sich die Attentäter, junge, religiös verblendete, skrupellose Mörder. Würde ihr Terror enden, wenn es einen palästinensischen Staat gäbe? Netanjahus Programm ist die Verhinderung dieses Staates. Der Preis dafür ist die Gefahr immer neuer Selbstmordattentate. Der Premier scheint bereit, ihn zu bezahlen.