Dank zweier Gerichtsbeschlüsse der letzten Woche bleibt den Schülern in Hessen vorerst das Eszett und den Schülern in Bayern das Kruzifix erhalten.

Dem hessischen Kultusminister wurde vom Verwaltungsgericht Wiesbaden die Durchführung der Rechtschreibreform untersagt. Seinem Münchner Kollegen hingegen erlaubte der bayerische Verfassungsgerichtshof, die Anbringung von Kruzifixen in Schulräumen vorzuschreiben. Auch eine Art Bildungspolitik: So bleibt es immerhin recht gemütlich in deutschen Klassenzimmern.

Über die Orthographie soll demnächst gar das Bundesverfassungsgericht entscheiden. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, war in der letzten Woche zu hören, erhofft aus Karlsruhe eine rasche Entscheidung gegen die Reform. Die rechtspolitische Ironie dieses jüngsten Zugs in der unendlichen Farce wird offenbar selbst von den Akteuren nicht mehr bemerkt: Man muß daran erinnern, daß der bayerische Ableger ebendieser Union, nun auch noch assistiert von der einheimischen Justiz, sich über das Karlsruher Kruzifix-Urteil vom Mai 1995 bis heute frech hinwegsetzt - eine eindrucksvolle Geringschätzung des Rechtsstaats, auf dessen Prinzipien man nun pochen möchte. Auch erbitterte Gegner der Rechtschreibreform sollten sich dagegen verwahren, daß Verfassungsgerichtsurteile als Spielmarken in unseren zunehmend albernen Kulturkämpfen benutzt werden.

Das schlimmste an der Rechtschreibreform sind allerdings ihre passionierten Gegner, das in Bürgerinitiativen und Volksbegehren auftrumpfende deutsche Oberlehrertum inner- und mehr noch außerhalb der Schulen. Dieser Mentalität droht durch die neuen Regeln die äußerste Demütigung: der Verlust der Souveränität über jene Sprachnormen, die in ihrer blanken Undurchschaubarkeit das ideale Betätigungsfeld für leidenschaftliche Besserwisser sind. Daß die Gegner der Reform so viel von den angeblich verwirrten und überforderten Kindern reden, darf man wohl als Projektion ihres eigenen Kontrollverlusts deuten.

Leider haben sie in der Sache nicht ganz unrecht, denn bei dem ehrenwerten Unternehmen der Unfugsbereinigung ist bekanntermaßen eine Menge neuen Unfugs produziert worden, wie auch Befürworter der Reform längst zugeben. Die Gier der Verlage hat dem Publikum eilig zusammengebraute Wörterbücher beschert, die mit ihren zahlreichen neuen Zweifelsfällen heute schon Makulatur sind.

Nun schlägt der Volkszorn auf das Unterfangen als solches zurück: Auch die behutsamste Rationalisierung der Sprachnormen halten viele jetzt für illegitim. Es hat wenig Sinn, darauf hinzuweisen, daß die Rechtschreibung in ihrer heutigen Form kein Naturzustand, sondern das Produkt eines Beamtenstreichs von 1901 und der Monopolstellung des Duden-Verlags ist. Es hilft auch nichts, die jahrzehntelangen Verhandlungen der Experten zu betonen. In der öffentlichen Debatte hat sich nun einmal die Legende festgesetzt, daß hier eine radikale Minderheit aus Linguistik und Verwaltung mit ultrarationalistischen Systemansprüchen überfallartig dem lebendigen Organismus der Sprache zu Leibe rückt.

Die romantische Sprachphilosophie mit ihren Ursprungsmythen und ihrer vegetativen Metaphorik natürlichen Wachstums, so stellt man erstaunt fest, hat im Deutschland von heute eine untergründige Massenbasis. Mögen die anderen Sprachen sich wandeln und mischen, das lebendige Deutsch wünscht man sich wie zu Herders Zeiten als "Strahl aus dem Ewigen".