Er war kein Systementwerfer. Die linearen Geschichtsachsen Hegels waren ihm ebenso fremd wie die "sogenannt fortschrittliche Betrachtungsweise". Er hielt sich an die Tatsachen, weshalb er die Geschichte der "höher entwickelten Völker" (nicht die der andern!) als ein "wunderbares Neben- und Durcheinander" erlebte. Daran darf freilich auch der Fortschritt teilhaben, wenn er, wie etwa die Eisenbahn, als "Menschheitsmischer" oder als Demolisseur auftritt. Das könnte Flaubert gesagt haben.

Kein Wunder, daß Jacob Burckhardt (25.5.1818 bis 8.8.1897) in der Fröhlichen Wissenschaft eine willkommene Chance erblickte, Weltgeschichte ex cathedra einmal gegen den Strich zu bürsten. "Wie hübsch vieles käme - im Gegensatz zum jetzigen Consensus populorum - auf den Kopf zu stehen!", ermuntert er Nietzsche am 13. September 1882. Er selbst begnügt sich damit, "das Geschehen ohne gar zu viele Komplimente oder Klagen zu berichten". Dabei können ihm auch gelassene Maximen aus der Feder kommen: "Die Bewegung des Lebens geschieht nicht durch diametrale Gegensätze, sondern durch eine Zersetzung hindurch. Das Leben selber bleibt stets sichtbar." Diese Vitalität erkennt er auch im gescholtenen Mittelalter: Es ist für ihn eine lange Jugend.

Um das keiner Zwangsläufigkeit hörige Leben ist es ihm zu tun. Als Forscher und Schriftsteller will er ihm den Atem der Unmittelbarkeit bewahren und es doch in den Abstand der Reflexion versetzen. So hoch schätzt er seine innere Beteiligung ein, daß er ihr die Stoffwahl überträgt. Nur jene Vergangenheit beschäftigt ihn, "welche deutlich mit Gegenwart und Zukunft zusammenhängt".

Das bringt ihn zu der Frage: "Wann hört die bloße geschichtslose Gegenwart auf?" Für Buckhardts nüchterne Darstellung hat die Vergeschichtlichung keine Konsequenz, er ist immer Augenzeuge. Über das England des 15. Jahrhunderts urteilt er ebenso lapidar - "Von England her dringt das Saufen und Fressen ein" - wie über die "Gorillaköpfe" von Rembrandts Adam und Eva oder über Zeitungen und Romane, die modernen Zeitvertreiber, die er für die jetzige "Verwüstung des Geistes" verantwortlich macht.

Diese Proben zeigen Burckhardts illusionslosen Blick, der sich ohne Umschweife an den geschichtlichen Stoff hält, aber stets für einen Rundumblick offen ist. Gerade Beweglichkeit macht ihn zum Kulturhistoriker, der die Scheuklappen der Spezialisten verachtet. Mit Bouvard und Pécuchet hat das nichts zu tun, wenngleich er sich einen "Erzdilettanten" nennt und damit die frische Unbefangenheit trifft, die er mit den "glücklichen Unwissenden" teilt.

Spricht das für Äquidistanz, die sich des Engagements entschlägt? Keineswegs.

Burckhardts Liberalität und sein offener Blickwinkel - "Wir haben Gesichtspunkte für Jegliches und suchen auch dem Fremdartigsten und Schrecklichsten gerecht zu werden" - haben ihr Fundament in einem Humanismus jenseits des Parteienstreits: "Das geschichtliche Urteil sollte eigentlich immer ein solches sein, das wenigstens alle Nationen, wenn auch nicht alle Parteien, unterschreiben könnten." Eine europäische Schulbuchkonferenz, so es sie einmal gibt, wäre auf dieses Wort zu verpflichten.