In Kiel ermittelt die Staatsanwalt gegen siebzig Ärzte wegen des Verdachts falscher Abrechnungen. In Magdeburg stehen sieben Mediziner wegen Beihilfe zu Betrug, Steuerhinterziehung und Bestechlichkeit im Verdacht. Und in Ulm wird ein Medizinprofessor beschuldigt, sich mit manipulierten Ergebnissen seiner Krebsforschung viel Geld erschlichen zu haben. In Garmisch-Partenkirchen wurde die Ehefrau eines Urologen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und 36 000 Mark Geldstrafe verurteilt. Die gelernte Kauffrau hatte im Einverständnis mit ihrem Ehemann fiktive Leistungen abgerechnet.

Erst kürzlich sorgte ein Ermittlungsverfahren gegen zwei niedersächsische Herzspezialisten für Aufregung. Die Kardiologen sollen den Krankenkassen mit Rabatt eingekaufte Herzkatheter überteuert in Rechnung gestellt haben. Eine Sonderarbeitsgruppe des Bundesverbandes der Innungskrankenkassen prüft derzeit bundesweit die Abrechnungen von etwa hundert kardiologischen Praxen.

Schäden in Millionenhöhe werden befürchtet.

Der Fall weist Ähnlichkeiten mit dem vor zwei Jahren aufgedeckten sogenannten Herzklappenskandal auf. Was damals zunächst mit Ermittlungsverfahren gegen achtzehn Krankenhausärzte begann, hat sich zum Flächenbrand ausgeweitet: Gegenwärtig laufen fast 2000 Ermittlungsverfahren. Die Vorwürfe reichen von Bestechlichkeit über Untreue bis zum Betrug. Kardiologen und Klinikangestellte werden verdächtigt, mit hohen Rabatten eingekaufte Herzklappen maßlos überteuert abgerechnet zu haben.

Ein besonders spektakulärer Fall wird aus Dortmund gemeldet. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe fiel ein Allgemeinarzt auf, weil er die neue Ziffer 10 des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes (EBM) - das therapeutische hausärztliche Gespräch von fünfzehnminütiger Dauer - 3498mal in einem Quartal abgerechnet hat. Pro Arbeitstag hätte er allein für diese Gespräche 14,2 Stunden aufwenden müssen. Zusammen mit den übrigen abgerechneten Kassenleistungen, der Arbeitszeit für Privatliquidationen, für Gespräche mit Mitarbeitern, Pharmavertretern und anderem, errechnen sich für den nimmermüden Mediziner ein Arbeitstag von 25 Stunden und Einkünfte von 220 000 Mark in einem Quartal - ein traumhaftes Ergebnis. Elf weitere Kollegen werden von der Staatsanwaltschaft ähnlicher Fehltritte verdächtigt.

Auf dem Bayerischen Chirurgentag klagte der Landshuter Professor Rolf Filler über die zunehmende "Ökonomisierung der Medizin" als Grundübel im deutschen Gesundheitswesen. Die Kliniken würden sich zu Profitcentern wandeln, die Patienten zu Kunden und die Kunden zur betriebswirtschaftlichen Kostengröße.

Die wohl schlimmste Folge der Ökonomisierung hat Chirurg Filler allerdings nicht erwähnt: Manipulationen und Betrug.