Jerusalem Gäbe es morgen Wahlen in Israel, Benjamin "Bibi" Netanjahu würde vermutlich in seinem Amt als Ministerpräsident bestätigt werden, auch - oder gerade - nach dem jüngsten Bombenattentat in Jerusalem. Außerhalb Israels ist das schwer nachzuvollziehen. Immerhin führt Netanjahus Politik der Härte abermals zur Konfrontation mit der arabischen Welt, nachdem die sich gerade erst vorsichtig gegenüber dem jüdischen Staat geöffnet hatte - und isoliert das Land indirekt vom Rest der Welt. Was also motiviert die Mehrheit der Bevölkerung, diesen verhängnisvollen Kurs zu unterstützen?

Zum besseren Verständnis dieser scheinbar paradoxen Situation muß man die besonderen sozialen Verhältnisse in Israel berücksichtigen. Hier stehen die traditionell wohlhabenden und gebildeten Schichten der Arbeitspartei nahe, der kleine Mann dagegen unterstützt den rechtsgerichteten Likud-Block. In Netanjahus Milieu gibt es daher auch keine Lobby einflußreicher Geschäftsleute. Sie nämlich sind allein schon aus wirtschaftlichen Gründen am Friedensprozeß im Nahen Osten interessiert. Ein Mann wie Dan Propper, der als Vorsitzender des Unternehmerverbandes auf die Erschließung neuer Märkte in der Region hofft, steht heute klar auf der Seite der Opposition.

Natürlich ist dem Regierungs- und Likud-Chef die wirtschaftliche Lage keineswegs egal. Aber Netanjahu setzt lieber auf die für den Export bestens geeignete High-Tech-Industrie, die Israel von seiner Geographie unabhängig macht. Nur in diesem Zusammenhang sind seine großspurigen Erklärungen zu verstehen, daß ihn die arabischen Drohungen einer Wiederaufnahme des Boykotts kaltließen. Als Inselkultur, so glaubt er, könne sich Israel auch so weiterentwickeln.

Von dieser Bunkermentalität ist die Rechte nach wie vor tief geprägt. Als der ehemalige Likud-Chef und Ministerpräsident Jitzhak Schamir nach dem Anschlag von vergangener Woche im Fernsehen zum Osloer Abkommen befragt wurde, wiederholte er das bekannte Argument, die Kompromißbereitschaft Israels habe nur zu mehr Terror geführt. Zu seiner Regierungszeit habe es zwar auch Terror gegeben, aber "wenigstens hatten wir die alleinige Kontrolle". Im Rückblick sei die damalige Situation für Israel - trotz des palästinensischen Daueraufruhrs, der Intifada - gar nicht so schlecht gewesen.

Neben Jitzhak Schamir saß an diesem Abend Jossi Beilin, der Unterhändler des Osloer Abkommens. Er versuchte sein Vertragswerk zu verteidigen. Anders als Schamir glaube er nach wie vor nicht, daß jeder einzelne Terrorist mit dem gesamten palästinensischen Volk gleichzusetzen sei, sagte er. "Unsere Idee war es gerade, zwischen der PLO und der Hamas eine Linie zu ziehen." Diese differenzierte Sichtweise paßt nicht zur Schtetl-Mentalität des ehemaligen Likud-Chefs, der 1915 in der ostpolnischen Kleinstadt Ruzinoy geboren wurde.

Dort hatten damals die gepeinigten Juden als Minderheit auf äußere Bedrohungen mit Rückzug auf sich selber reagiert. Daß Schamir diese Art des Gruppendenkens tief verinnerlicht hat, zeigt seine Bemerkung am Ende des Gesprächs zu Jossi Beilin: "Du bist Israeli und Jude, und du wirst das in den Augen der anderen bis zum Ende deines Lebens bleiben - auch wenn du die Palästinenser um jeden Preis zu verstehen versuchst."

Nicht anders dachte Menachem Begin, der 1977 als erster Likud-Vertreter zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. In seinem erfolgreichen Wahlkampf hatte er die jüdische Identität der Israelis in den Vordergrund gestellt und damit jenen wieder ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt, die sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt sahen. Das brachte ihm den Sieg über die bis dahin ungebrochene Herrschaft der Arbeitspartei. Von Begins Parolen angesprochen fühlten sich vor allem die Wähler orientalischer Herkunft, die im Laufe der fünfziger Jahre aus Marokko, Jemen oder Irak eingewandert waren. Keiner hat die herablassende Behandlung vergessen, die sie nach der Ankunft durch ihre aus Europa stammenden Landsleute erfahren haben. Lange Zeit hatte man sogar orientalische Musik aus den Medien verbannt sie galt als "minderwertig" und als "Subkultur".