Wenn Kampfflugzeuge heute über Wegberg-Wildenrath donnern, demonstrieren sie nicht militärische Stärke, sondern Nostalgie. Die Start-und-Lande-Bahnen im Wald sind mit fünf Meter hohen Erdhaufen überdeckt, die vom Cockpit aus wie frische Gräber aussehen. Die Royal Air Force hat schon 1992 den Luftwaffenstützpunkt im niederrheinischen Dreiländereck geräumt. Jetzt läuft hier eines der ehrgeizigsten Konversionsprojekte in der Bundesrepublik.

Seit dem Ende des Kalten Krieges versuchen Kommunen und Länder Tausende von hinterlassenen Militärliegenschaften wirtschaftlich zu verwerten. In den neuen Bundesländern hinterließ die Rote Armee bei ihrem Abzug Grundstücke mit gewaltigem Sanierungsbedarf. In Westdeutschland steht nach dem Abzug von 250 000 alliierten Soldaten dagegen vor allem die Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft im Mittelpunkt - schließlich sind bisher rund 40 000 deutsche Zivilarbeitsplätze bei den Stationierungstruppen verlorengegangen.

Viele der betroffenen Gemeinden bauen Kasernen in Wohnhäuser um, doch bei der Konversion von Munitionsdepots, Panzerreparaturwerkstätten und Flugplätzen gibt es nur wenige Erfolgsbeispiele.

Eines davon liegt im strukturschwachen Westen Nordrhein-Westfalens. Dort hat Siemens auf dem Gelände der früheren britischen Luftbasis Wildenrath über hundert Millionen Mark in ein hochmodernes Schienenprüfzentrum investiert.

Steffen Schimmel, kaufmännischer Betriebsleiter des Zentrums, zeigt stolz auf die neue Gleisanlage: "So einen Bahnhof hätte jede Kleinstadt gern."

Ein regelrechter Bahnhof ist in der knappen Bauzeit von vierzehn Monaten nicht entstanden, doch verfügt die Anlage über zwei Schienenringe, 6,1 und 2,5 Kilometer lang, einen direkten Anschluß an die Bahnstrecke Mönchengladbach-Dalheim, Abstellgleise und ein Verwaltungsgebäude. Für 1998 plant Siemens die Prüfung der jüngsten Generation des Hochgeschwindigkeitszugs ICE.

"Ausschlaggebend war, daß dieses Gelände mit relativ wenig Altlasten zurückgelassen wurde", sagt Schimmel über die Standortentscheidung von Siemens. Die Ingenieure hatten einen Standort gesucht, wo sie Lokomotiven unter extremen Betriebsbedingungen erproben konnten. Früher fanden die Tests im Labor oder direkt bei den Kunden statt mit dem hauseigenen Prüfzentrum in der Nähe der Siemens-Standorte Düsseldorf, Essen und Krefeld hofft das Unternehmen nun auf Zeitgewinn bei Forschung und Entwicklung.