Nach all den Jahren war dies nicht mehr zu erwarten. Nach Herbie Hancocks HipHop-Glätte, nach Wayne Shorters Comeback unter Streicherbegleitung - nun ein kammermusikalisches Solo für zwei. Man stelle sich weite, weiße Räume irgendwo in Kalifornien vor, die Fenster geöffnet, konzentrierte Kühle. Zwei Altstars des Jazz, ein Yamaha Sopransaxophon, ein Steinway-Flügel, zwei Mikrophone, 1 + 1.

Wer will, mag - berechtigterweise - diese CD schon jetzt zur bleibenden Musik dieses Jahres zählen wer der Polemik bedarf, kann diese Veröffentlichung als hörbaren Beweis für die reinigende Wirkung des akustischen Musizierens reklamieren wer gerne Sterne vergibt, sollte fünfe opfern. Und doch, wenn das grüne Display-Fenster am Ende wieder 61'50 anzeigt, bleibt eine Leere, die unerklärlich scheint.

Es gibt genügend Gründe, Herbie Hancock nicht zu mögen. Wenn er bei Konzerten seine Armbanduhr auf den Flügel legt, um das Zeitminimum des Vertrags nicht zu unterschreiten, wenn er zwischen den Projekten reist, den Pegel von Geld und Publicity fest im Auge, von "Rockit" zu "V.S.O.P.", von HipHop zu "New Standards", von Filmmusik zu Neuauflagen des Miles Davis Quintetts, ein Musikmanager mit buddhistischem Basiswissen, wenn er ... man mochte gar nicht mehr zuhören.

Auf "1 + 1" ist alles vergessen. Sparsam gefüllte Akkorde, nachdenklich und trocken die rechte Hand, verhalten die linke, keine verwaschenen Lyrismen, kein rhythmisches Hämmern. So, als erinnere er sich an Ziehvater Miles Davis: "Weißt du, Herbie, laß es sein du mußt nicht dauernd spielen! Du steckst zu viele Noten in die Akkorde. Der Akkord muß nicht ausgewalzt werden, genausowenig wie der Sound."

Natürlich gab es für diese Zusammenarbeit einen Vorläufer (auf "Native Dancer" vor rund zwanzig Jahren), so wie sich für die blühende Duo-Euphorie, für diese Unplugged-Version des Jazz ein Bedürfnis findet - die Sehnsucht nach hörbarer Stille. Möglich: das Faszinierende des Duos liegt im harmonischen Refugium, im innigen Techtelmechtel, im Ausdruck vollkommener Seelenverwandtschaft. "Es gibt Duos, die sind wie ein Liebesakt" (Joachim-Ernst Berendt). Gründet sich also der Reiz weniger auf die Komplexität des Spiels als auf den Genuß des Musikvoyeurs, den beiden da ungestört zusehen zu können? Gepflegte Langeweile bisweilen im Preis inbegriffen. Auch Pat Metheny, Charlie Haden oder Bill Frisell verkaufen sich da oft zu billig.

Die kühle Klarheit dieses Liederabends, das "kalte Feuer" des Sopransaxophons Wayne Shorters, spricht eine andere Sprache. Der distanzierte Tonfall mag eine physikalische Begründung haben ("Das Frequenzspektrum beim Alt- und Tenorsaxophon überschneidet sich sehr stark mit dem eines Flügels, daher kann es zu muffigen und unklaren Passagen in den Arrangements kommen" H. H.), aber man erinnert sich doch: Die Bewunderung für den Komponisten und Improvisator Shorter war schon immer mehr von Respekt als von Liebe gefärbt. Seine Melodien klingen wie tönende Form, in seinen Kompositionen rücken die Teile erst nach langem Hinhören zusammen. So, als trete man Schritt um Schritt von einem impressionistischen Gemälde zurück, bis es als Ganzes erkennbar wird.

Glasklare Musiktropfen vom Piano, hymnische Bögen vom Sopran, "1 + 1" wird vom Gleichmut makelloser Schönheit durchzogen. Doch da ist - der Plattenfirma Verve sei Dank - jenes andere Duo, das dieser Tage veröffentlicht wird: Joachim Kühn und Ornette Coleman mit "Colors" in Leipzig, die leidenschaftliche Schönheit, die Erinnerung an eine mögliche Zukunft. Es ist eine andere Geschichte, unvergleichbar, und doch eine Erklärung für die seltsame Leere nach der wunderbaren Musik von "1 + 1". Kein Rest an Sehnsucht, kein Funke von Verstörung, keine Ahnung von Qual und Jubel. Doch keine Angst: Mit dem ersten Ton von "1 + 1" ist die Begeisterung wieder da.