Die Angst läßt sich stundenweise verdrängen, weglachen oder einfach wegreden. Den ganzen Tag über hatte Tim Lobinger schon von seinen Erwartungen, Eindrücken, Empfindungen und Empfindlichkeiten erzählt.

Vormittags im WM-Club des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, nachmittags beim Medientreffen seiner Ausrüsterfirma. Mal vom Podium herunter, mal in kleinen, mal in großen Gesprächsrunden. Nie gingen ihm die Worte aus, die Blicke, die Gesten. Zwischendurch mußte er immer wieder diese widerspenstige Haarsträhne bändigen, die sich aus seinem Lockenzopf gelöst hat. Und dann war auf einmal die Angst wieder da. "Was ist, wenn ich an diesem Tag am Anlauf stehe und einfach nur Schiß habe?"

Angst ist wie eine hinterhältige, unberechenbare Begleiterin eines jeden Stabhochspringers. Sie wächst naturgemäß mit der Höhe, aus der der Absturz droht, auch wenn sie bei durchtrainierten Sportlern in Wirklichkeit weniger der körperlichen Unversehrtheit als der Verletzbarkeit der Seele gilt. "Was sagen all die Leute", fragt Tim Lobinger, "wenn ich rausfliege?"

Er meint die Leute, denen er so gefühlvoll und selbstbewußt knackige Sprüche druckreif in die Kameras und Schreibblöcke diktiert. Und die Leute, die das alles hören und lesen und daran glauben. Das sind mittlerweile sehr viele, denn Tim Lobinger gehört zu den hochgewetteten Stars der deutschen Leichtathletikmannschaft bei der WM in Athen.

An diesem Freitag muß der 24 Jahre alte deutsche Meister und Rekordhalter aus Meckenheim die Qualifikation für den Endkampf im Stabhochsprung überstehen, wenn er am Schlußtag der Weltmeisterschaften an der Medaillenvergabe teilhaben will.

Seit Tim Lobinger am 13. Juli mit einem Sprung über 5,92 Meter vorübergehend die Spitze der Weltjahresbestenliste erobert hatte und eine Woche danach in Ingolstadt mit 5,96 Meter einen neuen deutschen Rekord aufstellte, wird er als Anwärter auf eine WM-Medaille gehandelt.

Dazu hat er selbst neben seiner sportlichen Leistung auch verbal eine Menge beigetragen. Wenn er sagt: "Die sechs Meter sind bald fällig. Ich hatte nie vor dieser Barriere Angst. Die sechs Meter tun mir ja nichts." Oder wenn er sagt: "Ich bin ein 'Zur-Schau-Steller'." Oder wenn er seine Überzeugung vom Erfolg seines modernen Sprungstils darlegt: "Die Zeit der russischen Schule ist vorbei. Ich setze nicht nur auf die schiere Kraft, ich setze auch auf den Katapulteffekt, auf die Dynamik und das Risiko."