An dem Ring mitten im Wohnzimmer zurrten die früheren Besitzer ihre Kuh fest. Denn sie lebten mit ihrem Vieh unter einem Dach. Die neuen Bewohner, die hier 1933 einzogen, hatten dafür keine Verwendung, aber andere Gepflogenheiten behielten sie bei: Butter und Speck bewahrten sie wie ihre Vorgänger im steinernen Becken an der Nebentür auf, und die Latrine leerten auch sie in den Bach, der zum nahen Sund lief. Das Strohdachhaus am Skovsbostrand Nr. 8 im dänischen Rantzausminde bei Svendborg war alles andere als ein Luxusetablissement, aber für 7000 Kronen, damals 6000 Reichsmark, billig zu haben, als es Bertolt Brecht im Sommer 1933 nach seiner Flucht vor den Nazis erwarb.

Brecht lebte mit seiner Familie sechs Jahre in dem Haus, das nur etwa sechzig Kilometer Luftlinie von der deutschen Ostseeküste entfernt ist. Das dänische Strohdach wurde für den Dichter zur Metapher für Geborgenheit und Zuflucht.

Er schrieb in dieser Zeit nicht nur seinen dickleibigen "Dreigroschenroman", aus dessen Vorschuß er das Haus finanzierte. Auch die "Svendborger Gedichte" sowie seine Stücke "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe", "Furcht und Elend des Dritten Reiches" und "Die Gewehre der Frau Carrar" entstanden dort, ebenso die erste Fassung vom "Leben des Galilei". Es war eine der produktivsten Phasen in Brechts Leben, bis ihn die Angst vor den vorrückenden Deutschen 1939 aus dem Idyll am Sund vertrieb und er nach Schweden, Finnland und schließlich in die USA weiterflüchtete.

1981 hat die Stadt Svendborg das Haus am Skovsbostrand gekauft. Mit Hilfe von Zuwendungen aus der DDR sollte daraus ein Brecht-Museum werden. Das scheiterte am Ende der DDR. Der Svendborger Stadtrat machte das Haus schließlich zum Künstlerdomizil. Als erster deutscher Gast zog im Sommer 1996 der Hamburger Schriftsteller Günther Schwarberg ein. Der heute Siebzigjährige kam gerade in Bremen in die Schule, als Brecht sich 1933 im dänischen Exil einrichtete. Daß die Svendborger ausgerechnet Schwarberg für ein Vierteljahr in den Skovsbostrand 8 einluden, dankt er einem früheren Buch, in dem er Schreckensereignisse aus der Nazizeit aufgearbeitet hat: "Man hat mir gesagt, daß der Vorsitzende des Komitees Brechtshus gesagt hat: 'Den kenn' ich. Von dem hab' ich ein Buch gelesen, und zwar das Buch: 'Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm', und das war letzten Endes ausschlaggebend. Dieses Buch schildert die kurzen Leben von zwanzig jüdischen Kindern, die in Hamburg hingerichtet worden sind, erhängt worden sind am 20.

April 1945 in der Schule am Bullenhuser Damm."

Als Gegenleistung für das Wohnrecht in Brechts Exilhaus wird von den Gästen ein künstlerisches Werk erwartet. Schwarberg hat seines gerade abgeliefert: Beim Hamburger Verlag Rasch und Röhring ist soeben sein Buch "Sommertage bei Bertolt Brecht" mit dem Untertitel "Tagebuchskizzen unter dem dänischen Strohdach" erschienen. Schwarberg erzählt darin "dem lieben Bert Brecht", was er in der Zeit vom 1. August bis zum 31. Oktober vergangenen Jahres in dessen vormaligem Haus getan, gedacht, gelesen, und manchmal auch, was er gegessen hat.

Literaturwissenschaftler mögen über das Mosaik die Nase rümpfen. In jedem Fall vermittelt das Buch eine lokalkoloritträchtige Einstimmung auf einen Fünenurlaub. Wer dabei eine sommerselige Geschichte aus dem sprichwörtlichen Garten Dänemarks erwartet, wird allerdings enttäuscht, obschon gelegentlich von Stockrosen, einer sanft fächelnden Brise über dem Sund und glücklichen Radfahrern die Rede ist. Er bekommt auch kein Heldenepos vom berühmten Dichter geliefert, denn der blieb im dänischen Exil derselbe bequeme Pascha, ungenierte Frauenheld und rücksichtslose Autofahrer. Zu lesen gibt es eine zeitkritisch verbrämte, gefällige Collage, die das Training des Journalisten verrät, der 25 Jahre lang für den stern geschrieben hat. Schwarberg wollte im Buch vor allem Geschichten erzählen: "... einzelne Geschichten, die sich dann zusammenfügen zu einem Buch. Und eingefügt in diese Geschichte über Brecht und andere waren dann meine eigenen Geschichten. Ich hab' mir vorgestellt, was würde der Mann wohl schreiben, wenn er jetzt dort säße in diesem schönen Haus am Svendborgsund und keine Angst haben müßte wie damals in den sechs Jahren von 1933 bis 39, als er ja immer Angst haben mußte, daß etwa die Deutschen kommen oder aber die Dänen ihn ausweisen."