Es ist ein kleines, ein unscheinbares Dorf, das sich am Fuße eines langgezogenen Hügels ausbreitet: Heiligenbrunn im Südburgenland. Einst suchten Pilger die namensgebende und angeblich heilkräftige Quelle auf. Doch es ist schon lange nicht mehr die Quelle, derentwegen immer mehr Reisende Heiligenbrunn aufsuchen. Die Attraktion liegt außerhalb des Ort - ein Ensemble aus alten, weißgekalkten Weinkellern unter knorrigen Kastanien- und Obstbäumen. Von Touristenrummel ist nichts zu merken. Was hier steht, wird privat genutzt. Wohl kennzeichnen da und dort grüne Buschen die Plätze, wo den Gästen junger Wein kredenzt wird. Doch von der lauthals feuchtfröhlichen Stimmung vieler Wiener Heurigen, niederösterreichischer oder burgenländischer Buschenschanken, die zu Karikaturen ihrer selbst verkommen sind, ist nichts zu spüren. Hier wird neben den Gästen gearbeitet, wird mit ihnen diskutiert, werden fachmännische Urteile gefällt.

An die 200 Jahre zählen die ältesten der gekalkten, mit Stroh gedeckten rund 120 Weinkeller, die sich über dem kleinen Ort, von Wald und Weingärten begrenzt, den Hügelrücken entlangziehen. Stehen ihre Tore geöffnet, so entströmt ihrem Inneren ein kühler Hauch, der selbst an heißen Sommertagen den schweren, feucht-dumpfen Geruch von Erde und Wein in die Gärten trägt. Im Grunde sind es gar nicht Keller im üblichen Sinne. Keiner ist in die Erde hineingebaut. Vielmehr handelt es sich um lehmverschmierte Holzblockbauten.

Diese Verbindung läßt Feuchtigkeit aus dem Boden aufsteigen und an den Außenwänden verdunsten, wodurch sowohl Bau wie Wein gekühlt werden.

Überdimensionale, altertümliche Kühlschränke.

An der durchdachten Bauweise sind die meisten Besucher indes nicht wirklich interessiert. Die Keller sind ihnen mehr Kulisse, optische Beigabe für den Genuß. Einstimmung auf jenes Getränk, dessentwegen sie sich hierher begeben haben: den Uhudler. Beim Uhudler geht es um ein legendenumwobenes Rebenprodukt, dem die Wiener Bürokratie lange Zeit nicht allzu wohl gesinnt war, das sich aber hier, rund um Heiligenbrunn, auf einer Fläche von gerade fünfzehn Hektar als Haustrunk der Winzer gehalten hat. Im Grunde genommen ist der Uhudler ein Wein, der aus unveredelten Rebsorten gewonnen wird. Ein Produkt, nicht weiter der Rede wert, wäre nicht eine Geschichte mit ihm verbunden.

Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Reblaus Europas Weinbau beinahe den Garaus machte, kam die Rettung in Form resistenter Rebstöcke aus Amerika, die zum Veredeln der überlebenden europäischen eingesetzt wurden. Einige der unveredelten amerikanischen Rebsorten - die man an ihren viel größeren Blättern erkennt, wie die Ripatella-, Isabella-, Othello-, Noah-, und Elvirasorten - aber wurden von den Winzern einfach für den Hausgebrauch gekeltert. Solange sich nur die Winzer und ihre Familien an den "Amerikanern" gütlich taten, war es der Behörde recht.

Der Uhudler - woher der Name stammt, ist unbekannt - aber fand eine kleine und eingeschworene Fangemeinde weit über die engen Haus- und Hofgrenzen hinaus. Dieser Umstand wollte den Behörden nicht mehr gefallen. Erzählte man sich doch gar Unerfreuliches über die Wirkung übermäßigen Uhudlergenusses. Er mache die Trinker rabiat, wirke sich nachteilig auf die geistige Regsamkeit aus. Der Alkohol enthalte zuviel Methyl, mache blind wie der Absinth. Davor hat die Behörde arglose Zecher zu bewahren. Wie so oft bewirkte die obrigkeitliche Fürsorge das Gegenteil: Der Rebensaft wurde eifrig unter der Hand gehandelt. Sein Bekanntheitsgrad stieg, bis die Frage der Legalisierung landesweit diskutiert wurde, sich 1992 das Parlament der Angelegenheit annahm, per Abstimmung Ausschank und Verkauf sanktionierte.