Was er inszeniert, muß Spitze sein, um wehzutun. Aber um seinen Triumph zu vollenden, darf sein Stil keinen Schmerz verraten. Genauer: NUR verraten darf er ihn ... Andere schreien, wenn sie Hunger haben. Der Dandy verwandelt sich in ein Gericht und serviert sein Menschenfleisch als Delikatesse mit Hautgoût."

Die nackte Haut als Luxus.

Diese Entfernung - Fernheit? - meint wohl schon der Wortstamm das lateinische elegans ist die Nebenform von eligens, dem Partizip Präsens von eligere (ex-legere), "auslesen, auswählen" - dem sich das französische élire verdankt, was zu Elite führt wiederum nicht weit vom lateinischen intellegere, "mit Sinn und Verstand wahrnehmen, erkennen, verstehen, einsehen".

Das ist die Unterscheidungsfähigkeit, die Pierre Bourdieu reflektiert, wenn er von der "gegensätzlichen Haltung von Volk und Intellektuellen zur Fiktion" schreibt - daß nämlich der Intellektuelle mehr an die Darstellung als an das Dargestellte glaubt. Wir kennen sie aus der Anekdote von der Galeriebesucherin, die empört zu Franz Marc sagte: "Pferde sind nicht blau", und seiner Antwort: "Das sind keine Pferde, das ist ein Bild." Bei Magritte heißt das: "Ceci n'est pas une pipe." Für Bourdieu ist die höchste Ausprägung des Unterscheidungsvermögens das Geschmacksurteil, "jenes Vermögen also, das Verstand und Sinnlichkeit, die unsinnliche Begrifflichkeit des Pedanten mit dem begrifflosen Genuß des Weltmanns versöhnt". Womit wir uns dem landläufigen Begriff des Eleganten in weitem Bogen wieder nähern: Die Grenze des Unterscheidens verläuft ja nicht nur zwischen Bach und Heino, sondern schlängelt sich ins Wohnzimmer und in den Kleiderschrank. Das zur gepunkteten Krawatte passend gepunktete Ziertüchlein hat diese Grenze unterschritten, wie der Brief an einen Gastgeber sie eingehalten hat. Der Kunsthistoriker Panofsky sagte: "Wenn ich einem Freund schreibe, um ihn zum Abendessen einzuladen, ist mein Brief in erster Linie eine Mitteilung, Kommunikationsmittel. Doch je mehr Gewicht ich auf die Form meiner Schrift lege, um so mehr wird er ein Werk der Kalligraphie. Und je mehr ich die Form meiner Sprache betone, um so eher wird der Brief ein Werk der Literatur oder der Poesie."

Wir sind bei der Gleichung Distanz = Höflichkeit = Form = Eleganz. Ihr liegt zugrunde die vorausgesetzte enttäuschte Erwartung, einbezogen zu werden.

Genet hat es im Prolog zu seinem Stück "Die Neger" formuliert: "So werden wir die von Ihresgleichen gelernte Höflichkeit besitzen, die Verständigung unmöglich zu machen. Die uns ursprünglich schon voneinander trennende Distanz vergrößern wir durch unser Selbstbewußtsein und unser Benehmen, durch unsere Frechheit - denn wir sind auch Komödianten." Komödianten spielen sie schluchzen nicht, sie tun so sie spielen den sterbenden Fechter - und verbeugen sich beim Applaus. Deswegen sind Eleganz und Distanz Synonyme. Die Sache selber ist nie elegant. Ein Sonnenuntergang kann schön, ergreifend, bezaubernd sein - elegant kann das Bild vom Sonnenuntergang sein. Das meint Kant, wenn er dekretiert: "Der Geschmack ist jederzeit noch barbarisch, wo er der Bemischung der Reize und Rührungen zum Wohlgefallen bedarf, ja wohl gar diese zum Maßstabe seines Beifalls macht." Und das meint Proust, wenn er es ablehnt, das Kostüm der Schauspielerin oder das Kleid der Dame von Welt schön zu finden, weil der Stoff schön ist, "sondern, weil es von Moreau gemalt oder von Balzac geschilderter Stoff ist". Einfältig und elegant schließen einander aus.

Der Unterschied zwischen dem Fant und dem Eleganten verläuft entlang derselben feinen Grenze wie die Unterscheidung zwischen Pornographie und Erotik man könnte auch sagen: zwischen dem Haben-wollen und dem Geben-können. Eine Nackenlinie, der Schatten eines Achselhaars ist erotisch - das "Ich und mein Magnum" der alltäglichen Pornographie ist onanistisch also selbstbezogen.