Auf seine Zeit als Lehrling blickt Alfred Lasitzka gern zurück. 1963 wurde er bei der Post zum Fernmeldehandwerker ausgebildet, wechselte anschließend mehrmals den Beruf und mußte stets völlig umdenken. Was ihm leichtfiel, weil er eine "hervorragende Grundlage" hatte, seine Lehre. Aber dieses Wissen kann er an die nächste Generation nicht weitergeben: Alfred Lasitzka, inzwischen Chef eines Computerservicebetriebs in Berlin, bildet nicht aus. "Wir kämpfen täglich ums nackte Überleben und haben weder Zeit noch Geld für die Ausbildung übrig", bedauert er. Doch selbst wenn der Wettbewerb mit den Billiganbietern sich entschärfen sollte - der Unternehmer würde trotzdem keinen Azubi einstellen: Es gibt keinen Ausbildungsberuf, der auf seinen Geschäftszweig paßt.

Alfred Lasitzkas Problem gibt es im deutschen Wirtschaftsleben tausendfach.

Die Leidtragenden sind die jungen Leute, denen es so immer schwerer fällt, eine Lehrstelle zu finden. Am Mittwoch war es deshalb wieder soweit: Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit meldete erneut alarmierende Zahlen für den Ausbildungsmarkt. Die sogenannte Lehrstellenlücke war Ende Juli noch einmal 45 000 Plätze größer als im vergangenen Jahr, das auch schon mies war.

Insgesamt fehlten rechnerisch über 130 000 Stellen.

Allein in den neuen Bundesländern, wo nach dem Wendekollaps erst allmählich und mit massiver staatlicher Hilfe wieder ein Ausbildungssystem entsteht, standen 10 500 noch unbesetzten Lehrstellen 80 000 suchende Jugendliche gegenüber. Im Westteil Deutschlands waren den Arbeitsämtern 140 000 junge Leute ohne Ausbildungsplatz gemeldet, aber immerhin 76 000 Plätze waren auch noch offen. Zwar werden noch Zigtausende Jugendliche unterkommen, doch dürfte die Zahl der erfolglosen Bewerbungen in diesem Jahr Rekordhöhe erreichen.

Für Politiker, Unternehmer und Gewerkschafter sind die schlimmen Zahlen ein wiederkehrender Anlaß, erprobten Reflexen freien Lauf zu lassen. Der Bundeskanzler appelliert immer gern an Handwerker und Big Business, die Ausbildungspflicht der Wirtschaft zu erfüllen und mehr Lehrstellen anzubieten. Deutscher Gewerkschaftsbund und Jungsozialisten in der SPD fordern pflichtgemäß eine Zwangsumlage für alle Azubifreien Betriebe: "Wer nicht ausbildet, wird umgelegt." Arbeitgeber- und Industrieverbände drohen für diesen Fall mit dem totalen Rückzug aus der Ausbildung und beklagen im Gegenzug, daß derzeit das Lehrgeld viel zu hoch, der Bildungsstand der Jugendlichen viel zu tief und der Berufsschulunterricht viel zu lang seien.

Für den Kanzlerkandidaten in spe Gerhard Schröder bot schon die Lehrstellenkrise des vergangenen Jahres Gelegenheit, sich als Mann der ökonomischen Vernunft zu profilieren: Er schaffte in Niedersachsen den obligatorischen zweiten Berufsschultag in der Woche ab und forderte unisono mit dem CDU-Kollegen Kurt Biedenkopf aus Sachsen, daß drei Lehrlinge sich zwei Jobs inklusive Bezahlung teilen sollten.