KÖLN. - Nachbarschaft klingt positiv, ist aber ein Begriff mit unbestimmtem Inhalt. Siehe Deutschland/Frankreich, siehe Deutschland/Polen gestern und heute. Siehe Bosnien. Nachbarschaft ist keine verläßliche Beziehungskategorie. Unwiderruflich für Nachbarschaft ist nur die Geographie.

Aber: Nachbarschaft ist gestaltungsfähig.

Amerikaner und Russen sind Nachbarn. Wissen sie das eigentlich? Mitten in der Beringstraße läuft die gemeinsame Grenze. Nur 85 Kilometer Wasser trennen Alaska und Russisch-Fernost. Im Auftrag Peter des Großen, unter dem dänischen Kommandeur Bering und seinem deutschen Berater Steller, war Alaska gefunden, danach von Russen kolonisiert worden. Alaskaner werden über alle Generationen hinweg an diese Geschichte erinnert. Als 1989, nach Jahrzehnten der Abschnürung, die erste Begegnung über die Beringstraße hinweg stattfand, war das ein arktisches Familienfest - und nicht nur für die Eskimos hüben und drüben.

Bis dahin mußte ein weiter Weg zurückgelegt werden. Zwar war im 2. Weltkrieg die amerikanische Waffenhilfe für die Rote Armee über Alaska und Sibirien gelaufen zwar hatten sich Russen und Amerikaner selbstlos in Rettungsaktionen für gestrandete Polarforscher gestürzt, aber der Kalte Krieg fror alle Beziehungen ein. Über die Beringstraße fiel Stalins "Eisvorhang", über Sibirien und Alaska hinweg programmierten Raketenfachleute die Flugrouten für Erstschlag und Vergeltung im nuklearen Wettlauf der Großmächte. Nachbarn.

Nun, die Gegenden sind unwirtlich, dünn besiedelt. Aber das erklärt oder rechtfertigt nicht die verbreitete Ignoranz der Regierenden und ihrer Denkfabriken, die auf der amerikanischen Seite noch ausgeprägter zu sein scheint als auf der russischen. Das Denken des amerikanischen Ostküsten-Establishments geht über den Atlantik und Europa nach Moskau und Sibirien. Rußland auch im Westen zu sehen bleibt Westküsten-Amerikanern und der Gilde der Fernostexperten vorbehalten. Die einst so beliebte Formel für europäische Sicherheit rund um den Globus "von Vancouver bis Wladiwostok" konnte nur von Atlantikern erfunden werden.

So wurde Rußland in der Nato-Erweiterungsdebatte zu Recht als europäische Macht im Osten behandelt und schließlich respektiert. Doch niemand kam auf die Idee, Rußlands Doppelrolle als europäische und pazifische Macht gleichzeitig zu bedenken und den Nato-allergischen Russen zur Überwindung psychologischer Hemmschwellen eine Rückendeckung im Fernen Osten anzubieten.

Es wäre Sache der Vereinigten Staaten gewesen, die ebenso europäische wie pazifische Macht sind, das Angebot beispielsweise eines Kooperations- oder Nichtangriffsvertrages zu machen. Aber amerikanisch-russische Nachbarschaft in Friedenszeiten ist noch nicht zum Thema gemacht und auf die politische Nutzanwendung abgeklopft worden.