Nur in Widersprüchen ist dieser zerrissene Mensch und faszinierend abstoßende Schriftsteller zu erfahren. Eingeknöpft wie ein Notar in grauen Anzug mit Weste, korrekt mit Krawatte und Hut, mit unbeweglichem Gesicht, präsentiert sich ein Amokläufer, der mit heulender Wut protestiert - gegen den autoritären Staat, der "die Vereinfachung des Individuums" betreibt, um den Menschen unter die völlige "technische, biologische und psychologische Kontrolle" zu bringen gegen "die unüberbietbare Öde des Alltagslebens in der westlichen Gesellschaft".

Ein Frauenhasser, der heiratet - und die Angetraute bei einem Wilhelm-Tell-Party-Spiel erschießt: Er trifft ihre Stirn, nicht das Whisky-Glas, das sie auf dem Kopf balanciert - und wird freigesprochen, weil der heroinsüchtige Waffen-Narr im Drogenrausch gehandelt hat. Ein Päderast, dessen Grauens-Visionen vom Weltuntergang - nein: nicht durch erotische Träume besänftigt, sondern eingeschwefelt werden durch orgiastische Vergewaltigungs-Phantasien, in denen er über einen Halbwüchsigen "mit roten Haaren und grünen Augen" herfällt - und doch ein liebevoll besorgter Vater, der sich um den drogensüchtigen Sohn, dem er die beiden eigenen Vornamen gegeben hat, William Seward, kümmert, der dann lange vor ihm stirbt, 1981, kaum 34 Jahre alt.

Der am 5. Februar 1914 in St. Louis als Sohn eines Fabrikanten geborene Burroughs verhält sich lange gutbürgerlich brav, studiert in Harvard, in Europa, macht seinen Bachelor - und revoltiert dann auf gefährlich selbstzerstörerische Art, rutscht ab in Boheme, Drogenszene, Kleinkriminalität. 1953 debütiert er mit dem Drogen-Roman "Junkie", dem 1959 das Buch folgt, das ihn weltberühmt macht, auch wegen der Prozesse (Gewalt!

Pornographie!): "Naked Lunch". Vom Film übernimmt er die Methode des cut-up, der Zerstückelung jeder Handlung oder rationalen Entwicklung. Er zerschneidet das Manuskript, klebt es anders zusammen, fügt fremde Texte ein.

So neu ist das Verfahren nicht. Haben nicht die Dadaisten schon so gearbeitet? Hat nicht der Musikerfreund John Cage das Prinzip, mit größerer Konsequenz, für seine Kunst genutzt? Denn - wieder ein Widerspruch -: der so gern Revolutionär wäre, im Grund aber ein ängstlicher Mensch ist, auf der Flucht vor dem Leben, ruht sich auf der cut-up-Technik aus.

"Control" war das Haßwort, das ihn zum schreiben brachte, die alles überwachende, gleichmachende Gewalt der puritanischen Gesellschaft in den USA, die er als "parasitäres, autoritäres System der Lüge" sein Lebenlang angegriffen hat. So wurde er für die aufmützige Generation der inzwischen längst anerkannten Künstler, von den Beatles und Velvet Underground bis zu Kurt Cobain und Patti Smith, zur Vater- und Vorbild-Gestalt.

Die arabischen Kinder-Dealer, denen er in seinen Jahren in Tanger (1954 bis 1956) nachstellt, nannten den grauen, hageren Amerikaner: "el hombre invisible", den unsichtbaren Mann. Nun ist Burroughs, der mit Jack Kerouac und Allen Ginsberg zu den großen Barden der Beatnik-Poesie zählt, und in Deutschland vor allem durch das von Robert Wilson inszenierte Musical "Black Rider" (Thalia Theater, 1990) bekannt geworden ist, am 2. August in Lawrence, Kansas, den Freunden nachgestorben und wirklich zum unsichtbaren Mann geworden.