Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile, lautet ein Lehrsatz der klassischen Philosophie. Sein biologisches Pendant, daß ein Organismus mehr ist als die Summe der ihn aufbauenden Zellen und eine Zelle mehr als die sie aufbauenden Moleküle, verliert jedoch seit den fünfziger Jahren zusehends an Gültigkeit. Denn Molekularbiologen glauben, auch die Eigenschaften komplexer Systeme seien letztlich auf Moleküle und die Regeln molekularer Prozesse zurückzuführen. Täglich scheinen neue Meldungen diese These zu stärken.

Gegen diesen molekularen Reduktionismus in der Biologie argumentiert der kanadische Forscher Brian Goodwin ("Der Leopard, der seine Flecken verliert", Piper, 376 S., 46 Mark). Goodwins Credo lautet: Organismen sind genauso real, fundamental und nicht reduzierbar wie die Moleküle, aus denen sie bestehen.

Der Vertreter der modernen Komplexitätswissenschaft bricht nicht nur für den Organismus als eine Einheit des Lebens eine Lanze, er fordert zugleich die moderne Evolutionstheorie heraus. Der Neodarwinismus müsse um weitere Faktoren und Gesetzmäßigkeiten der Entstehung von Ordnung ergänzt werden. Für das Werden eines Organismus aus einer befruchteten Eizelle seien Gene zwar entscheidend, aber keineswegs allein verantwortlich.

Komplexitätswissenschaftler haben gezeigt, daß chaotisches Verhalten der Moleküle oder der Zellen geordnetes Verhalten auf der nächsthöheren Ebene, der Zelle oder des Organismus, hervorbringen kann. Die räumliche Ordnung einzelner Komponenten spielt dabei eine wichtigere Rolle als die materielle Zusammensetzung. Der Determinismus der Moleküle stößt damit an seine Grenzen.

Setzt sich diese veränderte Sichtweise durch, könnte sich die Biologie von einer bisher häufig quantitativen Wissenschaft zu einer stärker qualitativen erweitern. Organismen wären nicht nur Objekte der Gene, sondern auch handelnde Subjekte der Evolution, nicht nur Überlebensmaschinen, sondern nichtreduzierbare Wesen.

Goodwins stringente wie verständliche Darstellung, mit zahlreichen Beispielen belegt, ist eine ernsthafte Herausforderung an die herrschende Evolutionslehre, deren Dreh- und Angelpunkt Zufallsvariationen des Erbguts und natürliche Selektion sind. Und ein interessanter Befund aus dem Jahr 1988, nämlich daß Bakterien und Hefen ihre DNS in adaptiver Weise verändern können, steht im glatten Widerspruch zur gängigen Theorie.