Julia Hennicke hat zwei Runden durch die elfte Klasse des Gymnasiums gedreht, bevor sie "hundertprozentig naiv" auf der Straße stand und wirklich nicht weiterwußte. Aus der Idee, vielleicht etwas "in den Medien" zu machen, wurde nichts: "Die Antwortschreiben auf meine Bewerbungen klangen schon sehr ironisch: ,Wir wollen an Ihren Fähigkeiten nicht zweifeln' und so. Und das bei dem miesen Zeugnis." Während des Berufsvorbereitungsjahres in der Dekra-Akademie, einer Weiterbildungseinrichtung bei Hamburg, hat sich die Neunzehnjährige dann mit dem Groß- und Außenhandel angefreundet, bekam bei einer Filiale einer Lebensmittelkette den Zuschlag und ist optimistisch: "Ich bin ja anpassungsfähig. Und wenn ich nach der Lehre immer noch in die Medien will, werde ich auch irgendwie da landen."

Für eine Lehrstelle, das weiß der Berufsberatungsleiter des Hamburger Arbeitsamts, Hans-Otto Bröker, "gehen die meisten Jugendlichen heute weit mehr Kompromisse ein als noch vor zehn Jahren". Doch "der Markt spielt mit ihnen Hase und Igel. Sie können sich mit ihren Wünschen so sehr anpassen, wie sie wollen, die technologische und wirtschaftliche Entwicklung war immer schon schneller."

Immer mehr Jugendliche werden auf das immer knappere Lehrstellenangebot immer schlechter von Schule und Familie vorbereitet. Sie landen auf Ausbildungsplätzen, zu denen sie entweder gar keine Lust haben, für die sie partout nicht geeignet sind und von deren Inhalten ihnen vorher niemand etwas gesagt hat. Ihre schlechte Ausrüstung kompensieren sie mit wachsendem Ehrgeiz: Fast alle jungen Leute wollen heute etwas werden. "Es gibt keine Gruppe mehr, die auf eine Ausbildung verzichten will. Das ist auf der Seite der Jugend die dramatischste Veränderung der letzten Jahre", sagt Erich Raab vom Deutschen Jugendinstitut in München. Doch mindestens ebenso groß wie die Motivation sei die Orientierungslosigkeit.

Die Folge davon ist das, was er die "Erosion der Normalbiographie" nennt. Der Anteil derer, die aus der Schule direkt in die Lehre und von dort nahtlos über die "zweite Schwelle" in den erlernten Beruf rutschen, verringert sich rasant. Lehren werden abgebrochen, durch ein Studium ergänzt oder enden in berufsfremder, oft auch ungelernter Arbeit. Das wichtigste Auffangbecken für diejenigen, die keine Lehre haben, war bis Anfang des Jahrzehnts der Jobmarkt, doch dort haben Billiglohnkräfte ihren Platz eingenommen. Die einzige Alternative: staatlich finanzierte Maßnahmen.

Diese Berufsvorbereitungsjahre würden zu Unrecht als "Warteschleifen" denunziert, meint Raab. "Für viele junge Leute sind die Maßnahmen der erste Schritt ins reale Leben und zum Erwachsenwerden." Das gilt besonders für die Frauen, die als Inbegriff der Chancenlosigkeit mittlerweile die "katholische Tochter vom Land" abgelöst haben: das türkischstämmige Mädchen aus der Arbeiterschicht, benachteiligt durch islamisch-traditionalistische Rollenfixierung und die Außenseiterinnenrolle in der deutschen Gesellschaft.

Die ausländischen Mädchen in Julias Lehrgang haben vorzeitig aufgegeben.

Insgesamt hat die betreuende Pädagogin Antje Hensel fast die Hälfte ihrer Schützlinge im Laufe des Jahres verloren, doch von dem Dutzend, das übriggeblieben ist, haben fast alle zum 1. August eine Lehrstelle gefunden, und darauf ist Hensel mindestens ebenso stolz wie ihre Kursteilnehmer: "Das war Knochenarbeit, herauszufinden, was sie für Wünsche haben, und ihnen klarzumachen, was sie können."