Ein "Bild machen" wollen sie sich von der "Oderfront", wie es in der Wasserkampf-Prosa heißt. Helmut Kohl, in solchen Dingen trittsicher wie Reinhold Messner in seinen besseren Tagen, hat als erster begriffen, daß ein Besuch in der Krisenregion jetzt einfach sein mußte. Und ein zweiter Besuch.

Und eine Regierungserklärung zur Lage. Aber was heißt es, wenn in der Politik gesagt wird, man wolle sich ein Bild machen?

Die Überschwemmung ist eine reale Katastrophe. Aber auf Bonn übertragen, paßt sie - wie soll man es bloß ausdrücken? - irgendwie in die Landschaft. Die "größte Katastrophe des Jahrhunderts" (Kohl im Bundestag), die "bestandene Bewährungsprobe auf die Einheit" (Stolpe während der Debatte) - das läßt sich stolz dem schnöden Bild entgegenhalten, das allgemeinen Stillstand verrät und Überdruß an der Vereinigung. Wir packen's an! An die Oberfläche gespült wird zugleich auch etwas anderes, was eingespeichert ist im kollektiven Gedächtnis: das Bild des Flutenbändigers Helmut Schmidt aus dem Jahr 1962, von dem es seitdem hieß, das sei der Anfang seines Aufstiegs in Bonn gewesen.

Alle machen sich also ihr Bild von der Oder. Bloß Gerhard Schröder nicht.

Der Hannoveraner hat allerdings allein im Juli eine so prächtige Medieninszenierung hingelegt, mit so imposanten Bildern (von sich) im stern und anderswo, daß er sich auch noch eine Flutenbesichtigung vielleicht gar nicht mehr leisten durfte. Aber war dafür das Bild von der Saarschleife bei Mettlach, Schröder gemeinsam mit Lafontaine, mal mit, mal ohne Frauen, nicht auch ganz schön? Ein Waldspaziergang der beiden "Rivalen" am Tag vor der Sondersitzung des Parlaments ist Botschaft genug: Die in der Rheinschleife mögen sich streiten, wir an der Saar stehen hoch und einig darüber! Schröders Ausländer-schnell-raus-Parolen setzte Lafontaine in einem Gespräch mit der Welt salomonisch entgegen, die SPD sei eine "Partei mit internationaler Tradition", also ohne Einschränkung "für die Integration ausländischer Mitbürger". Um dennoch dem Männerfreund beizupflichten, wer das Gastrecht mißbrauche, "kann es nicht länger in Anspruch nehmen". Sonne über der Saar, alles Idylle.

Waldspaziergänge haben es in sich, weiß man, seit der eine für die böse alte Mitbürgerin von Hänsel und Gretel mit dem kurzen Prozeß endete. Dann - in einem größeren Sprung - der Waldspaziergang von Strauß und Kohl, von dem allein das Wort "Männerfreundschaft" blieb. Schließlich der Waldspaziergang der Systeme, 1982, als Paul Nitze und Julij Kwizinskij sich hoch über dem Genfer See auf eine Formel über die Begrenzung der Mittelstreckenraketen in Europa verständigten. Später ist diese Verständigung wild dementiert worden.

Was wäre aus solchen Waldspaziergängen im Blick auf die Saarschleife zu lernen? Bloß, daß die Fälle alle anders liegen. Was Lafontaine/Schröder betrifft, gehen wir unverändert davon aus, daß es ein Einverständnis über den Kandidaten aus Hannover längst gibt, das aber erst später bekanntgegeben werden soll. Es wird ein Bild geliefert. Und oft genug deshalb, damit wir uns kein richtiges machen.