Hinter einem quadratischen Tresen haben sich sechs kampferprobte Damen verschanzt. Über akkurat gefaltete Warenstapel hinweg sehen sie gefaßt dem Angriff entgegen: Schlag neun wird eine Meute von Kaufwütigen auf die Festung losgelassen. Die Belagerung hat lange genug gedauert, jetzt will man Beute machen. Vorrangiges Objekt der Begierde ist ein Accessoire, von dem die Welt den Hals nicht voll genug kriegen kann: jenes legendäre Seidentuch, carré de soie genannt, aus dem sündhaft teuren Hause Hermès in Paris. Das gibt es heute im Schlußverkauf für 720 Franc auch nicht eben nachgeschmissen.

Die Kundschaft reißt sich darum. Es geht zu wie auf dem Hühnerhof, wo erregte Hennen einander die Körner abspenstig machen. Kräftige Herren von der Securité, in dunklen Anzügen an strategisch wichtigen Punkten postiert, lassen nur stoßweise überschaubare Rudel vor. Nichtsdestotrotz herrscht Kampfstimmung. Mehrere Damen hängen zerrend an einem Foulard, Wortwechsel sowie heftiges Transpirieren verpesten die Luft. Frauen gibt es, das muß gesagt werden, die ein Stück Stoff lieber zerreißen, als es an einer anderen zu sehen.

"Les soldes Hermès - das ist ein Ereignis, ein Ritual!" krächzt Madame Joséphine, ein carré namens Caroussel in Marine um den Hals, gut zwei Stunden vor Beginn des Hauens und Stechens. Die kühle Morgenluft hat ihrer Stimme nicht gut getan. Leider müsse man ja, so die aus La Creuse angereiste Besitzerin einer Teppichmanufaktur, von Saison zu Saison früher auf dem Posten sein. Schuld daran seien "les japonais" halb Nippon sei aufmarschiert, sagt sie und weist auf schmaläugige Lächler, die ihr jedes Jahr ein bißchen mehr auf die Pelle rücken. Deswegen hatte Joséphine, die "pour le plaisir et pour les foulards" bei Hermès ansteht, und das seit fünfzehn Jahren, spätestens um halb fünf vor Ort zu sein, ein zwanzigköpfiges Bataillon als Verstärkung zur Seite: "Meine Freunde. Wir treffen uns zweimal jährlich hier. Man sieht sich ja sonst nicht." Eine aus ihrer Truppe ist auf Nummer Sicher gegangen und hat im Hotel gegenüber für eine kurze Nacht Quartier genommen.

Wer ist denn die Nummer eins? "So ein junger Sprinter, sitzt nebenan im Café", teilt knapp Nummer zehn mit, eine auf einem Klappstuhl kauernde Pariserin mit grauem Bubikopf, im Arm eine Thermoskanne, um den Hals ein Hermès-Tuch. Eine ebenso mürrische wie stattliche Madame vor ihr thront auf dem Trottoir, unterm Hintern eine Plastiktüte von Bon Marché. Sie wird von den anderen geschnitten. "Die hat sich vorgedrängt", zischt die nette Joséphine, "wie finden Sie das?"

Im Café "Le Prairial" stürzt ein zierlicher Brillenträger mit rasiertem Schädel den fünften Kaffee hinunter und stellt sich vor: "Barraqué mein Name - Hermès-Liebhaber, Sammler, vétéran des soldes." Der 37jährige Touristenführer, zur Zeit arbeitslos, genießt VIP-Status. Seit 21 Jahren begrüßt man ihn im Haus des Luxus und der Pferde mit Vornamen - "Ça va, Paul-Henri?" - und erkundigt sich, wann er denn diesmal aufgestanden sei.

Diesmal ist er gar nicht erst zu Bett gegangen, sondern stracks in die rue Boissy d'Anglas 23 zum Dienstboteneingang von Hermès. Es war Mitternacht und er mutterseelenallein vor dem vergitterten Eisentor. Anderthalb Stunden später traf Nummer zwei ein, eine gähnende Japanerin. Die Verständigung war mangelhaft.

Paul-Henri in der schwarz-roten Motorradjacke ("Pardon, sonst bin ich besser gekleidet") stand bisher 42mal in dunkler Nacht hier ante portas und bildete "sehr, sehr oft" das Haupt der sich um den Block windenden Käuferschlange.