Sigmar Polke ist zwar kaum zu erreichen und schwer zu erwischen. Aber gerade weil er ein hervorragender Entertainer in eigener Sache ist, sorgt er auch unauffällig dafür, daß die richtigen Geschichten von ihm und über ihn im Umlauf sind und bleiben. Zum Beispiel der im Tübinger Ausstellungskatalog von 1976 zum erstenmal publizierte und seitdem immer wieder gern gelesene, autobiographische Text "Frühe Einflüsse, späte Folgen oder ,Wie kamen die Affen in mein Schaffen'? und andere ikono-biographische Fragen".

Da lesen wir, wie die vielköpfige Familie (Polke wurde 1941 in Schlesien geboren, 1945 floh man nach Thüringen, 1953 in den Westen) sich an langen Winterabenden gern über die frische Ausgabe der Bäckerblume beugte und die wunderbaren und unerreichbaren Brötchen und Hörnchen, die das Innungsblatt vorführte, betrachtete. Der kurzsichtige Sigmar aber erkannte keine Köstlichkeiten, er sah "nur viele kleine schwarze Punkte", und wurde, als er sich näher drängte, barsch darauf hingewiesen, daß sein Vater kein Glaser sei. "Das war hart für den Bub, der ich war, aber er lernte! Er lernte, daß der Sohn eines Glasers zu sein wohl in den Augen der anderen etwas besseres bedeutet hätte, und so war es fortan mein innigster Wunsch, selber Glaser zu werden. Er führte mich schließlich in die Lehre bei der Glasmalerfirma Derix (Düsseldorf), die ich dann aber abbrach, als ich durch die Ersatzkasse väterlicherseits unerwartet eine Brille erhielt."

Sigmar Polke, das zeigt diese komisch-ernste Kindergeschichte, legt eine Spur, aber streut denen, die ihr nachgehen, rasch eine Handvoll Sand in die Augen, wahlweise auch kleine schwarze Punkte, Rasterpunkte. Denn der familiäre Raunzer, daß der Vater schließlich kein Glaser sei, war ja nicht ein Hinweis auf eine wünschenswerte Karriere, sondern der Vorwurf, daß der Junge den anderen den Blick verstellt habe. Sigmar Polke hat dann bei einem Glasmaler, nicht bei einem Glaser gelernt, und die Durchsichtigkeit der Bilder ist trotz der Ersatzkassenbrille zum schönsten und eindrücklichsten Ergebnis der frühen Kurzsichtigkeit geworden.

"Die drei Lügen der Malerei" heißt, nach einem Polkeschen Bildtitel, die Ausstellung, die jetzt in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen ist. 230 Bilder, so liest man im voraus, und findet das etwas viel Belegmaterial für drei Lügen, denkt überhaupt, daß es doch schon so viele, gute Ausstellungen von Polke gegeben hat. Zum Beispiel 1988 im Bonner Kunstmuseum, das der Kunsthalle gegenüberliegt. Aber dann wird ein erster Rundgang durch die Räume zu einem ausgedehnten Vergnügen (eine Erfahrung, die sich auch in den Mienen anderer Besucher widerspiegelt) ein zweiter Blick sieht, zwischen Wiedererkennen und Kennenlernen, die alten und neuen Untiefen der Polkeschen Bilder (sie sind es, die das Vergnügen frisch erhalten), und beim dritten Blick glaubt man, durch die Bilder hindurchzuschauen. Wie es einem so geht bei Raster und Diaphan (das kommt später). "Eines Tages werden wir keine Bilder mehr brauchen, wir werden einfach glücklich sein", sagt der Entertainer Polke, aber der Maler schweigt dazu und sieht das anders.

Die andere Sicht. Die kurze Sicht, die in größter Nähe präziseste Deutlichkeit bringt. Die aber auch aus den Dingen punktiertes Kleinholz macht, die Relationen aufhebt, Anfang und Ende nicht durch die Gesetze der Komposition, sondern durch das Ende des Papiers oder der Leinwand vorgibt.

Und umgekehrt, bei zunehmender Entfernung des Auges von dem wahrzunehmenden Gegenstand, die kurze Sicht der verschwimmenden Konturen, die Einebnung der Unterschiede, das Ineinanderfließen der Dinge.

In Fortführung der Bäckerblume-Erlebnisse hat Polke auch einmal die Geschichte der Punkt-Familie erzählt, in die er eingeheiratet hat und mit der er glücklich ist, bis daß der Tod ihn scheidet. Aber etwas später hat er dann seine Rolle als Märchenonkel und Faxenfritze kurz vergessen und gesagt, was ihn am Raster, das aus den schwarzen Punkten gewirkt ist, wirklich interessiert und warum es für ihn ein bevorzugtes Mittel der Malerei wurde: "Der Wechsel von Erkennbarkeit und Unerkennbarkeit der Motive, die Unentschiedenheit und Zweideutigkeit der Situation, das Offenbleiben."