Irgendwann im Frühjahr 1998 wird sich eine umgebaute Bohrinsel auf den Weg vom russischen Hafen Vyborg nach Long Beach in Kalifornien machen. 20 Etagen hoch und 31 000 Tonnen schwer, soll das Ungetüm aus eigener Kraft Kap Hoorn umrunden und Amerika erreichen. Sechs Monate später wird die früher in der Nordsee stationierte Ölplattform dann im Pazifik zur schwimmenden Abschußrampe: 1600 Kilometer südöstlich von Hawaii soll von ihr aus eine russische Rakete einen amerikanischen Satelliten in den Weltraum tragen.

Das Projekt entstand in den Entwicklungsbüros von Boeing, einer norwegischen Werft und bei zwei Raketenbauern in Rußland und der Ukraine. Es kündet von massiven Veränderungen in der globalen Kommunikation: Von Ende 1998 an soll eine Vielzahl neuer Satelliten Telephonverbindungen rund um den Erdball herstellen sie könnten das Internet verknüpfen und Hunderte Fernsehprogramme in jeden Winkel des Globus strahlen. Sea Launch, der schwimmende Weltraumbahnhof, soll dabei helfen und einen Schwarm künstlicher Himmelskörper ins All schaffen.

Schon seit Jahren plant die Kommunikationsbranche eine neue Satellitengeneration, die es auf dem ganzen Globus möglich macht, fast ohne Verzögerungen durch das World Wide Web zu surfen, über Ozeane hinweg Videokonferenzen abzuhalten oder von einem Weiler in Indonesien mit New York oder Moskau zu telephonieren. Vom neuen Satellitenwesen sollen, so verkünden es seine Betreiber, vor allem jene sechzig Prozent der Weltbevölkerung profitieren, die bisher keinen Zugang zu einem Telephon hatten. In Nationen wie China, Indien oder Brasilien, in denen nur zwei bis sieben erdgebundene Fernsprechanschlüsse auf hundert Einwohner kommen (in den USA dagegen sechzig), könnte die kosmische Infrastruktur die wirtschaftliche Entwicklung voranbringen.

Etwa 1700 Satelliten sollen in den nächsten zehn Jahren ins All steigen, rund 150 Milliarden Dollar wollen Unternehmen wie Motorola, Boeing, Lockhead Martin, Hughes oder Loral investieren. Fortschritte in der Mikroelektronik haben künstliche Himmelskörper wesentlich leistungsstärker und um ein Vielfaches billiger werden lassen. Kosteten Satelliten früher meist über 150 Millionen Dollar, sind sie heute schon für 40 Millionen Dollar oder weniger zu haben. Sie sollen überwiegend auf erdnahen Umlaufbahnen stationiert werden, die weniger Energie, Größe und Leistung verlangen als die "geostationären" Systeme: Diese gegenwärtig für den Fernsprechverkehr oder die Übertragung von Fernsehsignalen sorgenden Satelliten befinden sich fast ausschließlich in einer Höhe von knapp 36 000 Kilometern über dem Äquator, wo eine Erdumkreisung exakt 24 Stunden dauert. Also schweben diese "Geos" stets über dem gleichen Punkt und können mit großen Teilen der Erde andauernd Verbindung halten.

Die Nachteile dieser Satelliten sind allerdings ihr Gewicht und ihr hoher Energiebedarf. Zudem brauchen die Signale etwa eine halbe Sekunde für ihren Weg von der Erde zu dem Trabanten und wieder zurück. Dadurch entsteht bei Telephongesprächen ein recht störendes Echo und auch der Datenaustausch zwischen Computern wird erschwert. Anders bei den nur in einer Höhe von 500 bis 1400 Kilometern fliegenden Satelliten: Diese "Leos" müssen weniger Sendeleistung bringen, können also 30 bis 90 Prozent kleiner als traditionelle Trabanten sein und lassen sich deshalb leichter ins All transportieren. Signalverzögerungen gibt es kaum. Wegen der niedrigeren Umlaufbahn genügen auf der Erde kleinere Empfangsantennen Telephone kommen mit kleineren Batterien aus. Leos, die mit rund 25 000 Stundenkilometern um den Globus rasen, können allerdings - anders als die Geos - nur jeweils kleine Abschnitte der Erde bedienen. Um eine Rundumversorgung des Planeten zu gewährleisten, müssen am Himmel Satellitennetze geschaffen werden, in denen der einzelne Trabant mitunter wie eine Zelle in einem Mobilfunknetz funktioniert.

Neue Systeme für den Telephon- und Datentransport sind auf dem geostationären, auf einem mittelhohen und auf dem erdnahen Orbit geplant.

Hughes Electronics, das unter den großen Raumfahrtkonzernen wohl die meiste Erfahrung mit dem Bau von Satelliten hat, will Spaceway in den Kosmos schicken, eine Konstellation von acht Geo-Trabanten, die eine globale Internet-Verbindung möglich machen sollen. In London hat sich ICO Global Communications etabliert, die in etwa 10 000 Kilometer Höhe zehn High-Tech-Vögel für den Fernsprechverkehr stationieren wollen. Im gleichen Bereich soll sich auch Odyssey tummeln, ein zwölf Satelliten umfassendes Projekt des US-Unternehmens TRW. Richtig eng wird es aber erst im erdnahen Weltraum, wo in wenigen Jahren ganze Horden von Leos um Kunden konkurrieren werden: Iridium: Der Ableger der Firma Motorola will bis 1998 mit 66 Satelliten ein weltweites Netz aufbauen, das es an jedem Ort der Erde erlaubt, mit einem kleinen Telephonapparat Verbindung zum Rest der Welt zu halten. Das System, an dem auch die deutsche Veba/RWE-Gemeinschaftsfirma O.TEL.O beteiligt ist, soll fast ohne terrestrische Infrastruktur auskommen sämtliche Gespräche werden im All von Satellit zu Satellit weitergeleitet, bevor sie - entweder direkt oder über eine Bodenstation - beim Adressaten angelangen. Mit dieser Struktur ist Iridium eines der technisch kompliziertesten der neuen Projekte - und zugleich teuer die Baukosten werden auf 8,75 Milliarden Mark veranschlagt, ein Handy ist nicht unter 5250 Mark zu haben.