Landolf Scherzer: Der Zweite Aufbau-Verlag,

Berlin 1997 268 S., 29,90 DM

Es ist schon ein paar Jahre her, da sorgte in der DDR ein Buch für Aufsehen: Landolf Scherzers "Der Erste" - eine Reportage aus dem Innenleben der SED-Kommunalpolitik. Der thüringische Schriftsteller und Journalist (geboren 1941) begleitete den einflußreichsten Mann im Landkreis Bad Salzungen, den ersten Kreissekretär der SED, vier Wochen lang bei seinen Dienstgeschäften. Natürlich erhofften sich die Funktionäre durch eine moderat selbstkritische Darstellung des Provinzalltags eine Bestätigung ihrer Volksnähe. "Der Erste" war jedoch - trotz Zensur - ein Zeugnis desolater Ökonomie und des vergeblichen Kampfes einiger Moralisten in der Partei gegen die Schwerfälligkeit des Apparats.

Da keine andere literarische Reportage den Mikrokosmos eines DDR-Landkreises so präzise beschreibt, ist "Der Erste" nach wie vor lesenswert (Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997 240 S., 16,90 DM). Mit "Der Zweite" ist jetzt ein Nachfolgewerk erschienen, in dem der Autor mit ähnlicher Recherchemethode ins Auge faßt, was sich am selben Ort sieben Jahre später ereignete. Der Oberste im Landkreis Bad Salzungen heißt 1993 Stefan Baldus, Westimport, 44 Jahre alt, Katholik, CDU-Mitglied, Bundeswehroffizier, kurzzeitig Bataillonskommandeur in Bad Salzungen. Baldus sitzt im selben Amtszimmer, in dem 1986 der von Scherzer im "Ersten" portraitierte Vorsitzende des Rates des Kreises residierte. Um den Kreischef begleiten zu dürfen, braucht es nun keine mehrjährige Wartezeit.

Was Scherzer in den nächsten Wochen und Monaten zu Papier bringt (und im Dezember 1996 mit den Resultaten neuer Erkundungen ergänzt), ist ein außergewöhnlich lebensnahes Protokoll der Stimmungen in Ostdeutschland in den ersten Jahren nach der Vereinigung. Scherzer läßt sich, ganz im Sinne seines großen Vorbildes Egon Erwin Kisch, auf die Verhältnisse ein - nicht als distanzierter Forscher, der eine seltsame Spezies Lebewesen unterm Mikroskop betrachtet, sondern als neugieriger Wanderer, der an einen Ort zurückkehrt, der eine Zeit seines Lebens beeinflußte. Trotz offensichtlicher Sympathien für Unbequeme und Poltergeister macht sich Scherzer mit den Subjekten seiner Begierde nicht gemein. Er findet mehr oder weniger erzählwillige Menschen, die nur im Ausnahmefall - was man bedauern kann - dieselben Protagonisten sind wie 1986. Er stellt Fragen, läßt reden, zeichnet das Gesagte und Gesehene auf. So entstehen authentische Augenblicksprotokolle, die so originell, banal oder peinlich sind, wie sich die Betroffenen in der Situation eben äußern. Ausgefeilte Rhetorik oder gar große Literatur darf man deshalb nicht erwarten.

Was der Schriftsteller entdeckt und akribisch dokumentiert, formt sich zu einem Panoptikum des wahren Lebens. Mit allen Schattierungen: bitter, ernst, bedrohlich, zum Heulen und zum Lachen komisch. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Wir betrachten hier kein "Soziotop", das sich bei entsprechendem journalistischen Eifer nicht auch im Westen finden ließe. Mit einem erheblichen Unterschied allerdings, auf den eine thüringische Buchhändlerin hinweist: Sie kenne nach dreißig Jahren Berufserfahrung natürlich die aufregendsten Werke der Weltliteratur. Aber nach der Wende habe sie nichts mehr lesen müssen, weil sie die spannendsten Geschichten live erlebe.

Die Gewißheit, Partikelchen eines historischen Umbruchs zu sein, führt nicht nur bei ihr, sondern bei den meisten der portraitierten Menschen zu Konfusionen. Mehr als einmal beschleicht auch Landrat Baldus das Gefühl, "in einem absurden Theater zu leben". Kein Wunder nach Tagen mit Ereignissen wie diesen: Bockwurstessen mit obdachlosen Alkoholikern Gespräche mit anpassungsfähigen "Blockflöten", die ihre Biographie schönreden Besuch in Norberts Erotik- und Wasserbettenshop (der Inhaber heißt Liebe und war vorwendig Kulturhausleiter) vergebliche Kontaktaufnahme mit einem Bordellbetreiber (früherer Mitarbeiter der Abteilung Verkehr im Rat des Kreises) Abrißarbeiten im einstigen DDR-Musterbetrieb VEB Hartmetallwerk Immelborn (nachdem ein von der Treu hand vermittelter Westunternehmer noch einige Millionen Mark abgezockt hatte).