Genaugenommen ist Siegfried Landshuts Werk überhaupt erst zu entdecken.

Wie viele jüdische Gelehrte seiner Generation ist er durch den Sieg der Nazis, die Verfolgung und Vertreibung jüdischer deutscher Bürgerinnen und Bürger jahrelang an der Entwicklung seiner wissenschaftlichen Einsichten und am Lehren gehindert worden. Rainer Nicolaysen legt erstmals eine umfassende Monographie zu Leben und Werk dieses bedeutenden Denkers der Politik vor.

Landshut wurde vor hundert Jahren, am 7. August 1897, als Sohn eines Architekten in Straßburg geboren, nahm als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil und studierte nach dem Krieg Nationalökonomie bei Robert Liefmann und Franz Oppenheimer. Vor allem Liefmann hat ihn beeindruckt, aber das besondere Forschungsinteresse und die wissenschaftliche Orientierung Landshuts zeichneten sich schon in seiner Dissertation "Betrachtungen über eine abstrakte und formale Auffassung des Wirtschaftlichen und seine Beziehung zum Gesellschaftlichen" ab.

Methodologische Probleme, die ihm bereits bei der Abfassung der Dissertation begegnet waren, führten Landshut zum Studium der Philosophie bei Edmund Husserl und Martin Heidegger. Später kam die Beschäftigung mit Karl Jaspers und vor allem Max Scheler hinzu. Angeregt durch Alfred Webers Hinweis auf die "Krise des modernen Staatsgedankens", suchte Landshut nach einem angemesseneren Verständnis von Politik im Sinne der antiken Klassik.

Nur in einer Polis - einer politischen Gemeinschaft unter gemeinsam gewollten Gesetzen - könnten Menschen, so Landshut, human leben. Der Beginn der Neuzeit hatte zu einer Auflösung dieser wesentlichen Verbundenheit geführt und auf Grund eines fiktiven Vertrags der isolierten Individuen den "Staat" als ein künstlich erzeugtes Gebilde entstehen lassen. Dieser Bruch mit der älteren Tradition war für Landshut der Ursprung all der Probleme, unter denen die Gegenwart litt.

Mit seiner Zeitkritik konnte er sich keiner der vorhandenen politischen Tendenzen und Organisationen anschließen. Auch als er 1932 zusammen mit J. P.

Mayer unter dem Titel "Der historische Materialismus" die bis dahin unbekannte Frühschrift von Marx "Nationalökonomie und Philosophie" herausgab, war er keineswegs Marxist, wurde aber gleichwohl von oberflächlichen Lesern als solcher angegriffen. In der Kategorie "Entfremdung" erblickte er die tiefste modernitätskritische Aussage von Marx er verstand sie als Schlüssel zu der von ihm kritisierten Isolierung der Individuen voneinander und von ihrem Gemeinwesen. Für Liberale war er seiner Zeitkritik wegen verpönt, für Marxisten, weil er die Entfremdung als Ursache und nicht als Epiphänomen der neuzeitlichen Gesellschaftsentwicklung ansah.