Die vielen Millionen Yen Schweigegeld, die führende japanische Finanzinstitute an den Erpresser Ryuichi Koike gezahlt haben, sind wohl die größte Fehlinvestition in der Geschichte Japans. Denn statt geschäftsförderndem Schweigen haben sie Nomura Securities, dem führenden Wertpapierhaus des Landes, und der Dai-Ichi-Kangyo Bank (DK) einen riesigen Skandal beschert. Und die härtesten Strafen, die jemals vom Finanzministerium in Tokio verhängt worden sind, gleich dazu: Nomura ist bis zum Jahresende jeglicher Eigenhandel mit Aktien und Aktienderivaten und die Emission sämtlicher öffentlicher Anleihen verboten worden. Die DK Bank darf im gleichen Zeitraum keine neuen Kredite an Firmenkunden vergeben, wird ebenfalls von der Zeichnung öffentlicher Anleihen ausgeschlossen und darf weder in Japan noch im Ausland neue Filialen eröffnen.

"Wenn ich auspacke, dann rollen Köpfe", hatte Koike nach seiner Festnahme Anfang des Jahres gedroht. Und es war keine leere Drohung. Die Staatsanwaltschaft begann mit einer in Japan bisher nicht gekannten Entschlossenheit zu ermitteln und beschlagnahmte gleich kistenweise Unterlagen. Vierzehn ehemalige Topmanager wanderten wegen illegaler Geschäfte mit dem Erpresser in Untersuchungshaft, darunter Exvorstandsvorsitzende, Vizevorsitzende und geschäftsführende Direktoren. Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der DK, Kuniji Miayazaki, hängte sich nach einem Verhör der Staatsanwaltschaft in seinem Schlafzimmer auf. Was nun im Zuge der Ermittlungen ans Licht gelangt, ist ein selbst für die korruptionsgewohnte japanische Finanzwelt schockierender Filz von Bankern, Börsenmaklern und Verbrechern. Koike war bis zu seiner Festnahme einer von etwa tausend "Sokaiya"-Erpressern in Japan. Diese Wirtschaftskriminellen - von denen viele Kontake zu Verbrechersyndikaten haben - drohen japanischen Unternehmen damit, auf den jährlichen Hauptversammlungen mit kompromittierenden Fragen Unruhe zu stiften. Die Manager, besorgt um ihr öffentliches Image, zahlen Schweigegelder. Zudem werden Sokaiya angeheuert, damit sie legitime Fragen von Aktionären niederschreien und ähnliche Schmutzarbeiten erledigen.

Die Großbank DK soll dem Erpresser Koike allein in den vergangenen drei Jahren rund 450 Millionen Mark an Krediten zugeschanzt haben - und zwar ohne dafür ausreichende Sicherheiten zu fordern. Mit dem Geld soll Koike dann Aktienpakete der vier größten Wertpapierhäuser Japans gekauft haben, darunter 300 000 Aktien von Nomura. Als Aktionär hatte er sich somit das Recht erworben, auf der Jahresversammlung Fragen zu stellen. Nomura zahlte dem Erpresser den Ermittlungen zufolge rund sechs Millionen Mark aus illegalen Aktiengeschäften.

Nicht, daß Nomura oder Dai-Ichi-Kangyo mit solchen Praktiken allein dastünden. Ein Beweis dafür, wie weit diese Erpressungen in japanischen Firmenzentralen verbreitet sind, ist eine für Außenseiter auf den ersten Blick merkwürdige Praxis der Aktiengesellschaften. Tausende von Konzernen im ganzen Land halten ihre gesetzlich vorgeschriebenen Jahreshauptversammlungen stets an ein und demselben Tag im Juni ab. Jeder Sokaiya (auf deutsch etwa "Aktionärsversammlungsmann") kann, so das Kalkül, dann wenigstens nur ein einziges Treffen niederbrüllen.

Nach den ersten Festnahmen und Ermittlungen hatte es dennoch eine Weile lang so ausgesehen, als sollten das Brokerhaus und die Großbank die einzigen Opfer des Skandals bleiben. Zumindest ein Topmanager, der darauf gesetzt hatte, ist damit inzwischen auf die Nase gefallen. Tsugio Yukihira, Vorsitzender von Yamaichi Securities, dem viertgrößten Brokerhaus Japans, hatte erst im Juli den Posten eines Vorsitzenden des Verbandes japanischer Brokerhäuser übernommen, nachdem sein Vorgänger, der Nomura-Vorsitzende Suzuki, über den Sokaiya-Skandal gestürzt war. Auf einer Pressekonferenz verkündete der neue Chef großmundig, sein Wertpapierhaus Yamaichi habe sich "niemals" auf illegale Geschäfte mit Koike eingelassen. In der vergangenen Woche wurde dann aber klar, daß diese Unschuldsbeteuerung nicht alle in Tokio überzeugt hatte.

Wenige Stunden vor Bekanntgabe der Strafen für Nomura und DK durchsuchten die Ermittler auch die Zentrale von Yamaichi, später die Privatwohnung des 65jährigen Yukihira. Er soll inzwischen seinen Rücktritt von dem Verbandsposten angeboten haben. Yamaichi soll Presseberichten zufolge ebenfalls mindestens 1,3 Millionen Mark an Koike überwiesen haben.

Der Schaden für das bereits bestrafte Brokerhaus Nomura dürfte allerdings nicht allzu groß sein - selbst wenn man die zeitweise Abwanderung wichtiger Kunden mitberechnet. "Es ist, als hätte man uns zehn Meter hinter die Startlinie zurückversetzt", sagte Nomura-Präsident Junichi Ujiie. "Aber wir können immer noch gewinnen." Viele Beobachter stimmen zu. Der radikale Managementwechsel, der beim Branchenriesen Nomura aufgrund des Skandals unvermeidlich war, könnte das Unternehmen für die im nächsten erwarteten Big-Bang-Reformen des Finanzmarkts fit machen. Ein leitender Angestellter bringt es auf den Punkt: "Unser Präsident hat nun einen guten Vorwand, um alle möglichen Firmentraditionen zu attackieren, nicht bloß das Sokaiya-Problem."