TRIER. - Die Grausamkeiten tragen harmlose Bezeichnungen: "Entwurf eines Haushaltssicherungskonzeptes der Stadt Trier für die Jahre 1997-2001" steht auf dem Deckblatt des Berichts, den der Oberbürgermeister im März vorgelegt hat. "Die ungedeckten Fehlbeträge der städtischen Haushaltswirtschaft aus den Jahren 1996 und 1997 werden Ende 1997 mehr als 100 Millionen DM betragen", heißt es auf der ersten Seite. Und: "Ausweislich der Mittelfristigen Finanzplanung 1996-2000 werden diese Fehlbeträge bis zum Ende des Jahres 2000 - ohne die darin bereits berücksichtigten Konsolidierungsmaßnahmen des Konsolidierungskonzeptes 1996 - rund 180 Millionen DM betragen. Die 1996 beschlossenen Konsolidierungsmaßnahmen mit einem Volumen von 51,2 Millionen DM müssen daher ungekürzt bleiben."

Konsolidierung klingt hübsch, verbindlicher als "streichen" oder "sparen" oder "kürzen". Doch genau darauf läuft es hinaus. Es wurde gestrichen, und es muß noch mehr gestrichen werden. Die 100 000- Einwohner-Stadt an der Mosel leidet ebenfalls an der kommunalen Krankheit der neunziger Jahre: Die Ausgaben steigen, die Einnahmen sinken, der Schuldenberg wächst. Dabei wirtschaftet die Stadt ausgesprochen haushälterisch, sie nutzt ihre Möglichkeiten, die Einnahmen zu verbessern und die Ausgaben zu senken. Doch gegen die Konjunkturflaute ist kein Kraut gewachsen, sowenig wie gegen die unveränderte Lust des Bundes, Lasten auf die Städte abzuwälzen, was die für die Kommunen verantwortlichen Länder zwar sotto voce als schändliches Spiel beklagen, aber durch Kürzungen von Zuweisungen einerseits und durch neue Gesetze andererseits fröhlich mitmachen. Politik erweist sich immer häufiger als die Kunst, das Geld anderer auszugeben.

Dabei hätte in diesem Jahrzehnt alles ganz anders werden sollen. Reich war die Stadt nie, denn früher baute man Kasernen, keine Fabriken wegen der Nähe der Grenze. Doch die Erbfeindschaft wurde begraben, Europa wuchs, Trier fand sich plötzlich in der Mitte, in enger Nachbarschaft zu Luxemburg, das nicht erst seit Theo Waigel Geld anlockt. Nach der Wiedervereinigung zogen die französischen Soldaten ab (die bis dato hier die größte Garnison nach Paris unterhielten), freie Flächen entstanden.

Anfang dieses Jahrzehnts begann eine Marketingdiskussion darüber, wie sich die Stadt "verkaufen" könne und reformieren müsse, um attraktiv zu werden.

Keine einzigartige Debatte, in vielen Städten hat es ähnliche Unternehmen gegeben, doch das Trierer Experiment kam - was nicht die Regel ist - zu einem guten Ende. Der Grundgedanke klingt simpel. Die Stadtobrigkeit behandelt die Bürger künftig nicht als Untertanen, sondern als Kunden, sie gewährt nicht Vergünstigungen, sondern betätigt sich als Dienstleister. Sie steht nicht als Hoheitsträger den Einwohnern, der Wirtschaft und dem Handel gegenüber, sondern bemüht sich in Kooperation mit ihnen um eine Verbesserung. Trier verteilt 23 Dienststellen über das ganze Stadtgebiet, was selbst für Einheimische schwer überschaubar ist. Da war die Einrichtung eines "Bürgeramtes" im Rathaus vor zwei Jahren, ein großer Gewinn. Hier werden von 7.00 bis 18.30 Uhr viele Verwaltungsakte, die den Bürger ins Rathaus führen, an einem Arbeitsplatz erledigt (einschließlich des Gebühreneinzugs), Auskünfte erteilt und Formulare ausgegeben. Das hört sich einfach an, war aber harte Arbeit, von der Beschaffung der notwendigen Hard- und Software bis zur Schulung der Mitarbeiter. Das Bürgeramt ist zu einem Erfolg geworden, vor allem, weil in den Köpfen der dort Arbeitenden eine wirkliche Revolution stattgefunden hat, nämlich der Abschied von einer hierarchischen Denk- und Arbeitsweise, die ihnen durch Gesetze, Verwaltungsstruktur und Ausbildung vorgegeben und beigebracht worden war.

Es blieb nicht beim Bürgeramt. Ausgelöst durch das Vorbild der niederländischen Stadt Tilburg wird allenthalben daran gewerkelt, Grundprinzipien kommunaler Verwaltung einzureißen, die da heißen "Kameralistik" im Finanzsektor und Zuständigkeitshierarchie im Verwaltungsbereich.

Warum muß ein Antrag zur Genehmigung abgezeichnet werden in der Reihenfolge Sachbearbeiter, Sachgebietsleiter, Abteilungsleiter, Amtsleiter? - den Überblick hat eh nur der Sachbearbeiter.