Warum muß jede Ausgabe im kommunalen Haushalt vom Rat und seinen Ausschüssen genehmigt werden, was natürlich zur Folge hat, daß erstens immer mehr beantragt als ausgegeben und zweitens im berüchtigten Novemberfieber alles Geld verbraten wird, das bewilligt, aber noch nicht ausgegeben ist denn wer Überschüsse hat, wird im nächsten Haushaltsjahr mit Kürzung seines Ansatzes bestraft - mitnehmen darf er seine Haushaltsreste nicht.

Es ist leicht, sich über diese umständliche Mißtrauenskultur zu mokieren, und noch leichter, darüber zu vergessen, daß sie eingerichtet wurde, um Rechtssicherheit zu garantieren und dem (politischen) Rat die Kontrolle über die (mächtige, weil dauerhafte) Verwaltung zu sichern. Aber richtig ist, daß dieser Ansatz sich überlebt hat, und deshalb begann die Stadt Anfang 1993, das sogenannte neue Steuerungsmodell einzuführen. Grob vereinfacht besagt dies: Die Verantwortung wird delegiert. Der Rat gibt vor, was geschehen soll, und stellt den Dezernaten dafür pauschale Summen zur Verfügung. Die Dezernate dürfen dann selbst entscheiden, wie und wann sie verwirklichen, was ihnen als Ziel aufgegeben ist.

Das Zauberwort heißt "Budgetierung". Was bedeutet: Die Dezernenten müssen den Kopf hinhalten und selbst entscheiden. Trier wagte den Schritt, die Verantwortung nicht nur für die Ausgaben, sondern auch für die Einnahmen an die Dezernate zu delegieren. Mit verblüffenden Erfolgen: Gebühren werden beschleunigt eingezogen. Die Stadtreinigung bietet Privatbesitzern an, Flächen zu reinigen. Mit der Post wird um Porto gehakelt. Mitarbeiter entdecken Einnahmequellen, die der zentralen Verwaltung nie in den Blick geraten wären.

Und mehr noch: Einsparungspotentiale! "In der Vergangenheit war es die Regel, daß alljährlich bei den Beratungen des Stellenplans etwa vierzig neue Stellen beantragt wurden", heißt es in einem Bericht. "Mit der Übertragung der Frage der Wiederbesetzung auf die Dezernatsebene im Haushaltsjahr 1994 wurden von den Amtsleitern selbst (!) dreißig Stellen zur Einsparung vorgeschlagen." Was unter anderem ermöglichte, mehr als 150 PCs anzuschaffen - diese Umschichtung erlaubt das neue Steuerungsmodell. Der Oberbürgermeister, dem eine hartnäckige Überzeugungsfähigkeit nicht abzusprechen ist, betont immer wieder, man habe sich für das neue Steuerungsmodell nicht entschieden, um den Haushalt zu konsolidieren oder die Finanzkrise der Kommune zu bewältigen. Da hat er recht, aber er muß auch zugeben, daß die Stadt große Probleme hat - "ohne das NSM hätten wir größere".

Ein wenig erfüllt es alle Beteiligten mit leichter Bitterkeit, daß sie meßbar besser wirtschaften, einsparen, Fett abschmelzen - und die Erfolge von der Finanzmisere glatt aufgefressen werden. Da jonglieren sie wie alte Hasen auf dem Kreditmarkt, um die besten Konditionen herauszuholen und den Zins- und Tilgungshaushalt zu entlasten, feilschen mit Bauunternehmen um Termine und Konditionen - und dann die nüchternen Zahlen: Sozialhilfeausgaben von 1990 auf 1995 um 20 Millionen gestiegen. Kinder- und Jugendhilfe: plus 4,5 Millionen. Kindertagesstättengesetz: 8,7 Millionen mehr. Solidarpakt Deutsche Einheit und Standortsicherungsgesetz - 9 Millionen. Kommunaler Finanzausgleich Deutsche Einheit - gute 6 Millionen. Knapp 50 Millionen Mehrbelastung, das fängt die größte Sparsamkeit nicht auf.

"Wir sind jetzt an der Grenze angelangt", sagt der Beigeordnete Norbert Neuhaus, unter anderem zuständig für Wirtschaft. In drei Jahren hat er durch die Budgetierung 4,8 Millionen Überschuß erreichen können. "Bei der letzten Konsolidierung haben wir Blut gelassen, aber es noch einmal geschafft, die niedrigen Zinsen haben geholfen, 1999 ist dann endgültig Schluß. Denn Sparen in der Not schiebt das Ende hinaus, aber verhindert es nicht."