Die Reaktion ist meist unwirsch: "Kommen Sie in drei Wochen wieder, vorerst stehen wir noch im Wasser", heißt in Potsdam oder Frankfurt die Antwort auf die Frage, wie es nach der Flut an der Oder weitergehen soll. Was geschieht zum Beispiel mit den Deichen? Nach der extremen Belastung werden kostspielige Ertüchtigungsmaßnahmen nötig sein. Die Vorstellung jedenfalls, man könne die Deiche einfach trocknen lassen und das nächste Hochwasser abwarten, ist illusorisch.

Zunächst einmal muß das Innenleben des Deichkörpers erkundet werden. Mit welchem Material wurde gebaut? Wie wurde abgedichtet? Wie stabil ist der Untergrund? Wo sind Hohlräume entstanden? Wo Senkungen? Die Deiche des Oderbruchs sind uralt, Informationen über ihren Aufbau sind rar. Nach der Bestandsaufnahme kann saniert werden. Sanieren heißt zum Beispiel Dammkronen reparieren, Böschungen abflachen, die Wasserseite besser abdichten.

Streckenweise wird der Damm neu gebaut werden müssen. Die Entscheidung ist nicht zuletzt eine Kostenfrage. Man könnte Deiche so solide wie Staudämme bauen, aber das wäre unbezahlbar. "Irgendwann gehen die Kosten exponentiell nach oben, Dammbau ist immer eine Frage des Kompromisses", erläutert ein Fachmann im Nationalpark Unteres Odertal.

Die Deiche an der Oder (wie an anderen Flüssen) sind auf ein "hundertjähriges Hochwasserereignis" ausgerichtet, das heißt, sie müssen einer Flut standhalten, wie sie alle hundert Jahre einmal vorkommt. Mit Sicherheit wird jetzt, nach der vielzitierten "Jahrtausendflut", der Vorschlag kommen, die Deiche zu erhöhen, um vor allem den Bewohnern des Oderbruchs mehr Schutz zu bieten. Aber, so ein Umweltexperte, "da würde die Gesellschaft gewaltige Mittel in das Kurieren von Symptomen stecken, statt die Ursachen zu beseitigen".

Logischer wäre es, die Dämme zurückzunehmen, das Flußbett am Oberlauf der Oder zu verbreitern, das Oderbruch zu öffnen und damit dem Wasser Ausweichflächen zu bieten. Eine solche Radikalkur wird indes kein Politiker vertreten, da damit Tausende von Existenzen gefährdet würden. In begrenztem Umfang wurde eine solche Politik nach dem letzten Rheinhochwasser eingeleitet: Am Oberlauf des Flusses wurde ein Dutzend Polder eingeplant.

Doch nur ein Teil des Projekts ist bisher verwirklicht, da sich die Umwidmung des Geländes als äußerst langwierig erweist. Für die Elbe hat man eine solche Politik zumindest einmal durchgerechnet. Dem Strom sind im Lauf der Jahre 83 Prozent der Überflutungsfläche geraubt worden. Mit einer Rückverlegung der Elbdeiche könnte man sechs bis sieben Prozent der Fläche zurückgewinnen. Das würde den Hochwasserscheitel um bis zu 13 Zentimeter abflachen - und drei Milliarden Mark kosten. Doch gilt für die Oder, was für die Elbe gilt?