Mike Leigh mag Menschen mit Ticks. Hannah (Katrin Cartlidge) zum Beispiel hat einen Tick mit der Sprache. Sie besteht darauf, daß ihr Name auf der zweiten Silbe betont wird, formt die Finger zum Plappermaul, mutet ihren Freunden böse Pointen zu und einen Akzent, der jedes englische Wort klingen läßt, als leide es an einem hysterischen Anfall. Annie (Lynda Steadman), Hannahs Mitbewohnerin, deren Gesicht von Dermatitis entstellt ist, legt den Kopf chronisch schief, raucht wie ein Schlot und inhaliert nervös gegen ihr Asthma. Ricky (Mark Benton) hingegen, Annies Kommilitone, frönt der Freßsucht, stottert gewaltig und legt bei jeder Silbe, die er ausstößt, den Finger auf sein verkniffenes Auge.

Die "Karriere Girls" sind vom Leben gezeichnet, und man mag sie dafür. In "Lügen und Geheimnisse", seinem bisher erfolgreichsten Film, rückt der britische Regisseur den familiären Neurosen seiner Landsleute zu Leibe in seinem neuen Film geht es um die Zeit nach der Familie, um die Zeit der Freundschaften, der WGs und der Psychologievorlesungen. "Karriere Girls" ist gewissermaßen Mike Leighs "Zweite Heimat", in bescheidenerem, unspektakulärem Format.

Zehn Jahre nach ihrer Wohngemeinschaft in London sehen Hannah und Annie sich wieder und blicken zurück. Die Allergie ist abgeklungen andere Spuren sind nicht verblaßt. Damals waren sie verrückt und verletzlich, jetzt sind sie tüchtig und verlegen. Damals verliebten sich beide in Adrian (Joe Tucker), den sie jetzt als Makler antreffen und der vorgibt, sie nicht mehr zu kennen.

Schließlich läuft ihnen sogar Ricky über den Weg, der über die Jahre zum Wrack geworden ist. Das Spießertum Adrians bringt die Frauen zum Lachen der von Krankheit zerstörte Ricky läßt sie vor Panik fliehen.

"Karriere Girls" macht die Probe aufs Exempel: Was prägt einen Menschen, und wie bleibt man sich treu? Wie die Freundinnen gern ihren Lieblingsroman befragten und "Miss Brontë" die Zukunft orakeln ließen, verfährt auch der Film nach dem Zufallsprinzip. So driften die Bilder zwischen Rückblenden und Gegenwart, zwischen der Eisernen Lady und dem britischen Alltag im Zeichen von New Labour.

Dabei richtet Mike Leigh sein Augenmerk kaum noch auf den Klassenkampf und steigert die privaten Ticks auch nicht zur Apokalypse der neunziger Jahre wie in seinem Meisterwerk "Naked". Aber er beobachtet aufmerksam wie immer, zeigt Ängstlichkeit und Lebenslust, Solidarität, Verrat und die Schwierigkeit, sich nach dem Erwachsenwerden überhaupt zu verständigen.

Der versöhnliche Ton, an dem "Lügen und Geheimnisse" krankte, stört diesmal weniger. Die wichtigste Frage des Film stellt ausgerechnet der stotternde Ricky: "Welches ist dein Hauptcharakterzug?" Die Antwort darauf fällt niemandem leicht.