Hier zwei unscheinbare Meldungen: Eine neue Firma namens N2K kündigte an, sie werde ab sofort einzelne Songs in CD-Qualität über das Internet vertreiben, einen jeden zum Einführungspreis von 99 Cent.

Die Musikstücke werden verschlüsselt übertragen; der Käufer kann sie dann zu Hause mit einer Software namens e_mod direkt auf eine eigene CD übertragen. Er braucht dafür nur einen leistungsfähigen Computer und ein sogenanntes CDR-Laufwerk (Compact Disc Recordable), mit dem sich CDs nicht nur lesen, sondern auch beschreiben lassen.

Am selben Tag trumpfte die Firma Adaptec mit einer Software namens Spin Doctor auf. Das Hauptgeschäft von Adaptec ist die Produktion von Steuergeräten, mit denen CDR-Laufwerke, Festplatten und Computer zusammengeschlossen werden. Der Spin Doctor ist dazu gedacht, den Absatz zu befeuern. Das Programm soll sich beim Überspielen alter Langspielplatten auf digitale CDs nützlich machen. Es entfernt die lästigen Kratzgeräusche, so daß die Musik sich anhört wie neu.

Eine Woche nach diesen Ankündigungen sicherte sich der Softwaregigant Microsoft einen zehnprozentigen Anteil an der Firma eines ehemaligen Mitarbeiters: Progressive Networks, gegründet von Rob Glaser. Diese Firma hat RealAudio entwickelt, eine Technik, mit der Audiodateien in Echtzeit übers Internet übertragen werden können. Der Empfang von Rundfunksendungen ist zum Beispiel in annehmbarer Qualität möglich, und die Software, die man dafür braucht, ist kostenlos zu haben. Unter den zahlreichen Radiostationen, die ihr Programm bereits ins Netz übertragen, hat sich RealAudio als Standard etabliert. Die nächste Entwicklungsstufe, genannt RealMedia, soll schon CD-Qualität erreichen.

Ein verlockender Markt hat sich hier aufgetan, und verschiedene Verfahren kämpfen um die Vorherrschaft. Sie alle versprechen, die anfallenden Datenmengen so stark zu komprimieren, daß sie problemlos durch die vielen Engpässe des Internet gelangen. Microsofts hauseigenes Advanced-Streaming-Format dürfte mit dem Einstieg bei Progressive Networks deutlich an Boden gewinnen. Zukünftige Versionen von Glasers Software werden diese Technik unterstützen.

Auf lange Sicht aber geht es um viel mehr: um den Umbau von Microsoft zum Medienkonzern , um den Einstieg in die Unterhaltungsbranche der Zukunft. Schon bald, so das Kalkül, werden die Leute sich Musik und Videos im Netz besorgen. Zu Hause stellen sie daraus dann ihre eigenen Sammlungen zusammen auf CD oder dem neuen Speichermedium DVD (Digital Video Disc). Vor dieser Perspektive ist die Vermutung erlaubt, daß Microsoft über kurz oder lang Progressive Networks gänzlich schlucken werde. Auch bei WebTV war die Firma zunächst mit zehn Prozent eingestiegen; mittlerweile ist das eine hundertprozentige Microsoft-Tochter.

Die Musikbranche steht vor einem Umbruch. Was jetzt noch wie eine Bastelei von Datenfreaks erscheinen mag, soll nach einer Schätzung der Marktforscher von Jupiter Communications im Jahr 2002 schon mehr als sieben Prozent aller Musikverkäufe ausmachen. Das entspräche dann einem Umsatz von immerhin 1,6 Millarden Dollar.