Niemand wollte sie, jeder hat sie. 500 lagen damals dem Drucker bei, 3000 kamen mit dem Graphikprogramm, die anderen wer weiß woher. Überall bekommt man sie nachgeworfen, diese kleinen bunten Bildchen zum elektronischen Ausschnipseln, genannt Clip Arts, und sie gelten als Inbegriff der Dreingabe und der Nichtigkeit.

Nicht mehr lang. Im August letzten Jahres stampfte die amerikanische Firma IMSI mit pompösen Schachteln auf den Markt. "35 000 Clip Arts", so dröhnten Riesenlettern, zwei CD-ROMs für knapp hundert Mark, und die Leute erlagen in Scharen. "Unser Umsatz ist regelrecht explodiert", sagt Oliver Koch, der bei der deutschen Niederlassung von IMSI den Vertrieb leitet.

Andere Firmen zogen umgehend nach: Br›derbund mit 65 000, Tewi mit 126 000, und IMSI ist unterdessen bei einer Sammlung von 150 000 Bildchen, Schriften, Photos und Klangfetzen angelangt, Preis 199 Mark.

Die Exzesse der großen Zahlen kündigen sich an, seit es CD-ROMs gibt: Bald waren 1200 Programme zum Testen in Umlauf, 2000 Schriften für 50 Mark, die 800 heißesten Faxdeckblätter. Man hat das als vorübergehendes Irresein eines Gewerbes abgetan, das seine Maßstäbe noch finden müsse. Es hat sie schon. Seine Qualität ist die Masse.

Die Hersteller haben gelernt, daß man alles verkaufen kann, wenn man es in gewaltigen Mengen auf den Markt wirft, und seien es Telephonnummern. Computerbesitzer haben herrliche Maschinen zu versorgen; sie sind am glücklichsten, wenn sie ihnen schiere Zahlen ins Laufwerk schieben dürfen: hunderttausend von irgendwas, wenn es nur zählbar ist. Die große Zahl ist der populärste und zugleich traurigste Ausdruck der Macht, die dem Computerkäufer einmal verheißen ward.

150 000 Bildchen, das ist ein Reichtum, vor dem das Vorstellungsvermögen gerne in Ohnmacht sinkt. Seht nur, was er alles umfaßt: fast 200 Schuhe (einzeln), Dutzende Schneeflocken und die Umrisse von sechs deutschen Bundesländern. Dazu 50 Kreuzschlitz-, Senk- und Flügelschrauben sowie Schmuckrähmchen aller Gattungen. Kein Zweck, der nicht sein Mittel fände. Will vielleicht mal wer einen Cartoon zusammenschnipseln? Bitte sehr: 100 fertige Sprechblasen, je ein Dutzend Augenpaare, Nasen, Ohren, Brillen und leere Fertigköpfe mit diversen Frisuren.

150 000 Bildchen, das ist das Glück, für alle Fälle gerüstet zu sein, und das Unglück, daß keiner je eintritt. Irgendwo findet sich sogar ein hübscher Bund Spargel, der könnte gut mal die selbstgedruckte Einladung zum Spargelessen schmücken, bloß ist die Saison schon wieder vorbei. Den meisten Anwendern schlägt früher oder später die Stunde, da sie bekennen müssen: 150 000 Clip Arts, und nie hat was gepaßt.