Nachts in San Diego, Kalifornien. Die Stille der Vorstadt. Ein Hund bellt. Ein kleiner Junge schläft in seinem Bett. Da schiebt sich von draußen ein Schatten ins Zimmerfenster. Ein Dinosaurier! Der kleine Junge wacht auf. Er alarmiert seine Eltern: "Ein Dinosaurier ist in unserem Garten!" Sie lachen ihn aus. Dann hört man ein Fauchen, ein Krachen. Der Saurier spielt mit den Resten der Hundehütte. Blut tropft aus seinem Maul. Die Eltern schreien. Der kleine Junge aber holt kaltblütig seine Kamera hervor und photographiert die Bestie.

Jeder große Regisseur hat seine Urszene. Bei Fellini war es der Auftritt der dicken Frau, bei Truffaut der Augenblick des Begehrens vor dem Kuß, bei John Ford der Ritt durch das Monument Valley. Bei Steven Spielberg ist es das Erwachen des kleinen Jungen in der Nacht. Draußen ist das Fremde, das Ungeheuerliche. Ein Ufo! Ein Außerirdischer! Ein Dinosaurier! Aber niemand kommt, niemand hilft, niemand versteht. Dem kleinen Jungen bleibt in seiner Not nur ein einziger Freund: die Kamera. Mit ihrer Hilfe kann er die Ausgeburten seines nächtlichen Wachens besiegen. Durch ihre Bilder kann er die ungläubige Welt von der Wahrheit seiner Visionen überzeugen. Durch sie wird er zum Schöpfer, zum Weltbeherrscher, zum Tycoon.

Steven Spielbergs Filme brauchen üblicherweise nicht sehr lange, bis sie zu dieser Szene (oder einer ähnlichen, wesensverwandten) vorstoßen. Schließlich erfüllen sie nicht nur - mit beeindruckendem Erfolg - die Wünsche der Kinozuschauer, sondern auch die ihres Regisseurs. "Ich bin überall in meinen Filmen, und alle meine Filme sind in mir", hat Steven Spielberg gesagt. Und: "Das Publikum bin ich." Der Mann meint es ernst. Als Spielberg "Schindlers Liste" drehte, verwandelte er sich in einen zweiten Oskar Schindler. In "Jaws" war er der wahre Jäger des großen weißen Hais. Und als "E.T." entstand, der Film über einen einsamen kleinen Jungen, der sich mit einem ebenso einsamen kleinen Außerirdischen anfreundet, gab Spielberg zu Protokoll, auf diese Begegnung habe er gewartet, seit er zehn Jahre alt gewesen sei.

Im vergangenen Dezember ist Steven Spielberg fünfzig geworden. Manche Menschen legen in diesem Alter eine Pause ein und ziehen Bilanz. Spielberg nicht. Er arbeitet, als hetzten ihn die Hunde des Bankrotts. Gerade hat er "Amistad" abgedreht, die (wahre) Geschichte einer Sklavenrevolte im Jahr 1830, und im Herbst sollen schon die Dreharbeiten zu "Saving Private Ryan" beginnen, einer Soldatensaga aus dem Zweiten Weltkrieg. Wenn man nicht wüßte, daß Spielberg spätestens seit dem Erfolg von "Jurassic Park" zu den Dollarmilliardären Amerikas gehört, könnte man meinen, er wollte mit seiner Arbeitswut ein angeschlagenes Filmunternehmen retten.

Genau das will er auch. Denn vor zweieinhalb Jahren hat sich Steven Spielberg einen Jugendtraum erfüllt und gemeinsam mit Jeffrey Katzenberg und David Geffen ein Hollywoodstudio gegründet. Mit einem Startkapital von über zwei Milliarden Mark schien Dreamworks SKG auf dem Weg in eine gesegnete Zukunft zu sein. Doch bis heute hat noch kein Dreamworks-Projekt das Licht einer Leinwand erblickt, und die ortsansässige Konkurrenz, von Disney bis Universal, tut insgeheim ihr möglichstes, um die Traumwerker aus dem Geschäft mit den Träumen herauszuhalten. Mit "Amistad" versucht Spielberg nun, seine stagnierende Firma wieder flottzumachen. Falls der Film die kommerziellen Erwartungen nicht erfüllt, stünde es schlecht um Spielbergs Gründung.

In dieser Lage hat der Regisseur gar keine Zeit, über sein Leben nachzudenken. Das besorgen andere für ihn. Seit Herbst letzten Jahres erscheinen in schöner Folge immer neue Spielberg-Biographien - zuerst ein ausdrücklich "unauthorisierter" Band von John Baxter (Harper Collins, London; 8,99 Pfund); dann ein 530-Seiten-Wälzer von Joseph McBride (Simon & Schuster, New York; 30 Dollar); und schließlich kommt im September, auf deutsch, Andrew Yules "Spielberg" hinterher (Lichtenberg Verlag, München; 49,90 DM).

Jeder der Biographen erzählt auf beinahe dieselbe Weise die Geschichte vom linkischen Wunderkind aus Scottsdale, Arizona, das zum hellsten Stern am Hollywoodhimmel aufsteigt, und jeder gibt sich, wie alle seine Vorgänger, redlich Mühe, den Menschen Steven hinter den Filmen Spielbergs zu entdecken. Heraus gekommen ist dabei nicht viel. Baxter nennt Spielberg einen "glaubhaften Alien", und McBride gesteht im Nachwort seines Buches ein, daß er den Regisseur bloß ein einziges Mal kurz gesprochen hat. Das ist bitter. Die Sphinx schweigt. Sie hütet ihr Rätsel. Wollen wir wirklich, daß es einer löst?