Andreas Kilb über Steven Spielberg und seinen zweiten Dinosaurierfilm "Vergessene Welt - Jurassic Park"

Nachts in San Diego, Kalifornien. Die Stille der Vorstadt. Ein Hund bellt. Ein kleiner Junge schläft in seinem Bett. Da schiebt sich von draußen ein Schatten ins Zimmerfenster. Ein Dinosaurier! Der kleine Junge wacht auf. Er alarmiert seine Eltern: "Ein Dinosaurier ist in unserem Garten!" Sie lachen ihn aus. Dann hört man ein Fauchen, ein Krachen. Der Saurier spielt mit den Resten der Hundehütte. Blut tropft aus seinem Maul. Die Eltern schreien. Der kleine Junge aber holt kaltblütig seine Kamera hervor und photographiert die Bestie.

Jeder große Regisseur hat seine Urszene. Bei Fellini war es der Auftritt der dicken Frau, bei Truffaut der Augenblick des Begehrens vor dem Kuß, bei John Ford der Ritt durch das Monument Valley. Bei Steven Spielberg ist es das Erwachen des kleinen Jungen in der Nacht. Draußen ist das Fremde, das Ungeheuerliche. Ein Ufo! Ein Außerirdischer! Ein Dinosaurier! Aber niemand kommt, niemand hilft, niemand versteht. Dem kleinen Jungen bleibt in seiner Not nur ein einziger Freund: die Kamera. Mit ihrer Hilfe kann er die Ausgeburten seines nächtlichen Wachens besiegen. Durch ihre Bilder kann er die ungläubige Welt von der Wahrheit seiner Visionen überzeugen. Durch sie wird er zum Schöpfer, zum Weltbeherrscher, zum Tycoon.

Steven Spielbergs Filme brauchen üblicherweise nicht sehr lange, bis sie zu dieser Szene (oder einer ähnlichen, wesensverwandten) vorstoßen. Schließlich erfüllen sie nicht nur - mit beeindruckendem Erfolg - die Wünsche der Kinozuschauer, sondern auch die ihres Regisseurs. "Ich bin überall in meinen Filmen, und alle meine Filme sind in mir", hat Steven Spielberg gesagt. Und: "Das Publikum bin ich." Der Mann meint es ernst. Als Spielberg "Schindlers Liste" drehte, verwandelte er sich in einen zweiten Oskar Schindler. In "Jaws" war er der wahre Jäger des großen weißen Hais. Und als "E.T." entstand, der Film über einen einsamen kleinen Jungen, der sich mit einem ebenso einsamen kleinen Außerirdischen anfreundet, gab Spielberg zu Protokoll, auf diese Begegnung habe er gewartet, seit er zehn Jahre alt gewesen sei.

Im vergangenen Dezember ist Steven Spielberg fünfzig geworden. Manche Menschen legen in diesem Alter eine Pause ein und ziehen Bilanz. Spielberg nicht. Er arbeitet, als hetzten ihn die Hunde des Bankrotts. Gerade hat er "Amistad" abgedreht, die (wahre) Geschichte einer Sklavenrevolte im Jahr 1830, und im Herbst sollen schon die Dreharbeiten zu "Saving Private Ryan" beginnen, einer Soldatensaga aus dem Zweiten Weltkrieg. Wenn man nicht wüßte, daß Spielberg spätestens seit dem Erfolg von "Jurassic Park" zu den Dollarmilliardären Amerikas gehört, könnte man meinen, er wollte mit seiner Arbeitswut ein angeschlagenes Filmunternehmen retten.

Genau das will er auch. Denn vor zweieinhalb Jahren hat sich Steven Spielberg einen Jugendtraum erfüllt und gemeinsam mit Jeffrey Katzenberg und David Geffen ein Hollywoodstudio gegründet. Mit einem Startkapital von über zwei Milliarden Mark schien Dreamworks SKG auf dem Weg in eine gesegnete Zukunft zu sein. Doch bis heute hat noch kein Dreamworks-Projekt das Licht einer Leinwand erblickt, und die ortsansässige Konkurrenz, von Disney bis Universal, tut insgeheim ihr möglichstes, um die Traumwerker aus dem Geschäft mit den Träumen herauszuhalten. Mit "Amistad" versucht Spielberg nun, seine stagnierende Firma wieder flottzumachen. Falls der Film die kommerziellen Erwartungen nicht erfüllt, stünde es schlecht um Spielbergs Gründung.

In dieser Lage hat der Regisseur gar keine Zeit, über sein Leben nachzudenken. Das besorgen andere für ihn. Seit Herbst letzten Jahres erscheinen in schöner Folge immer neue Spielberg-Biographien - zuerst ein ausdrücklich "unauthorisierter" Band von John Baxter (Harper Collins, London; 8,99 Pfund); dann ein 530-Seiten-Wälzer von Joseph McBride (Simon & Schuster, New York; 30 Dollar); und schließlich kommt im September, auf deutsch, Andrew Yules "Spielberg" hinterher (Lichtenberg Verlag, München; 49,90 DM).

Jeder der Biographen erzählt auf beinahe dieselbe Weise die Geschichte vom linkischen Wunderkind aus Scottsdale, Arizona, das zum hellsten Stern am Hollywoodhimmel aufsteigt, und jeder gibt sich, wie alle seine Vorgänger, redlich Mühe, den Menschen Steven hinter den Filmen Spielbergs zu entdecken. Heraus gekommen ist dabei nicht viel. Baxter nennt Spielberg einen "glaubhaften Alien", und McBride gesteht im Nachwort seines Buches ein, daß er den Regisseur bloß ein einziges Mal kurz gesprochen hat. Das ist bitter. Die Sphinx schweigt. Sie hütet ihr Rätsel. Wollen wir wirklich, daß es einer löst?

Andreas Kilb über Steven Spielberg und seinen zweiten Dinosaurierfilm "Vergessene Welt - Jurassic Park"

Vielleicht liegt das wahre Geheimnis des man behind the movies ja gerade darin, daß er keines hat. Er ist mit dem, was er tut, auf bestürzende Weise identisch. Wenn er uns belügt, belügt er auch sich selbst. Was uns angst macht, ängstigt auch ihn. Die Kamera, sagt Rabbi Albert Lewis über seinen Schüler Spielberg, "made a mensch out of him." Mit jedem Film vollzieht Spielberg diese Menschwerdung neu. Die Illusion, die er herstellt, ist seine eigentliche Wirklichkeit. Er glaubt an das, was er uns glauben machen will. Diese grenzenlose Naivität hat ihn zur Symbolfigur einer Industrie gemacht, die nur zu gerne ihre eigenen Lügen für wahr halten würde. Aber während Regisseure wie James Cameron oder Joel Schumacher immer ein bißchen zu schlau für die Märchen sind, die sie uns verkaufen wollen, bleibt Spielberg, der raffinierteste und zugleich unbewußteste aller Kino-Erzähler, stets auf dem Niveau seines Publikums. Seine Filme flößen Vertrauen ein. Deshalb sind sie unwiderstehlich - für viele, für die meisten, für fast alle.

Und deshalb ist "Vergessene Welt", der Film, mit dem Steven Spielberg nach "Jurassic Park" seine zweite Kinodollarmilliarde einfahren wird, ein Debakel - in künstlerischer, also auch in "menschlicher" Hinsicht. Nie hat Spielberg einen kälteren, professionelleren, traumloseren Film gedreht. Nie hat er seine Effekte perfekter plaziert, seine Figuren berechnender hingebogen - und zugleich alles und alle verraten. In Time war zu lesen, Spielberg habe die "Jurassic Park"-Fortsetzung übernommen, um dem Film das Schicksal seines zu Tode weitergestrickten "Weißen Hais" zu ersparen. Diese Mühsal hätte er sich schenken können. "Vergessene Welt" sieht aus wie der Film irgendeines Regisseurs - gut hundert Minuten lang. Dann kommt die Szene mit dem kleinen Jungen.

Bis dahin aber sollen wir glauben, daß neben der "Jurassic Park"-Insel eine zweite liegt, auf der "etwas" überlebt hat; daß hinter dem Saurier-Züchter Richard Attenborough, der sich vom Naturverkäufer zum Naturschützer gewandelt hat, ein zweiter Bösewicht (Arliss Howard) mit einem noch wahnwitzigeren Themenpark-Projekt aufgetaucht ist; und daß Jeff Goldblum abermals auszieht, die jurassische Welt in Ordnung zu bringen.

Den erbärmlichen Plot, den Michael Crichtons zweiter Dino-Roman erzählt, hat Spielbergs Drehbuchautor David Koepp auf seine Grundzüge reduziert: die Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Forscherteams und den Überlebenskampf der von Goldblum angeführten Kleinfamilie. Aber die Risse zwischen den hingeschluderten Handlungsfetzen der Crichton-Story kann auch der Meister des Märchens nicht flicken. Deshalb bombardiert er uns mit Dinosauriern. Alle fünf Minuten ein Stego- oder Brontosaurus, ein Velociraptor, ein paar Compsognathi oder ein Triceratops, manche mit großen, weichen Kulleräuglein, andere, wie der Tyrannosaurus Rex, mit bösem Tigerblick - und alle "noch wilder, noch echter, noch perfekter" (dpa) als zuvor, so perfekt nämlich, daß sie auch jenen letzten Hauch von Unheimlichkeit verlieren, den sie in "Jurassic Park" noch besaßen. Die Monster unserer Kinderphantasien waren Fremdlinge; Spielbergs Dinosaurier sind alte Bekannte. Heute im Kino, morgen im Zoo.

Dann reicht es. Aber Spielberg reicht es noch nicht. Er hat die Großwildjagd aus Hawks' "Hatari!" nachgestellt, jetzt will er auch noch die "Godzilla"-Filme übertrumpfen. Deshalb schickt er die Dinos nach San Diego. Und wieder ist er noch perfekter, noch zynischer, noch gemeiner als alle seine Kollegen: brennende Tankstellen, zerquetschte Autos, abgebissene Gliedmaßen, kreischende Japaner ... und ein kleiner Junge, der photographiert. Hat er wirklich etwas gesehen, das an die Träume des Knaben Steven erinnert? Oder war es bloß ein Effekt? Die Antwort kennt nur das Kind.