Vielleicht liegt das wahre Geheimnis des man behind the movies ja gerade darin, daß er keines hat. Er ist mit dem, was er tut, auf bestürzende Weise identisch. Wenn er uns belügt, belügt er auch sich selbst. Was uns angst macht, ängstigt auch ihn. Die Kamera, sagt Rabbi Albert Lewis über seinen Schüler Spielberg, "made a mensch out of him." Mit jedem Film vollzieht Spielberg diese Menschwerdung neu. Die Illusion, die er herstellt, ist seine eigentliche Wirklichkeit. Er glaubt an das, was er uns glauben machen will. Diese grenzenlose Naivität hat ihn zur Symbolfigur einer Industrie gemacht, die nur zu gerne ihre eigenen Lügen für wahr halten würde. Aber während Regisseure wie James Cameron oder Joel Schumacher immer ein bißchen zu schlau für die Märchen sind, die sie uns verkaufen wollen, bleibt Spielberg, der raffinierteste und zugleich unbewußteste aller Kino-Erzähler, stets auf dem Niveau seines Publikums. Seine Filme flößen Vertrauen ein. Deshalb sind sie unwiderstehlich - für viele, für die meisten, für fast alle.

Und deshalb ist "Vergessene Welt", der Film, mit dem Steven Spielberg nach "Jurassic Park" seine zweite Kinodollarmilliarde einfahren wird, ein Debakel - in künstlerischer, also auch in "menschlicher" Hinsicht. Nie hat Spielberg einen kälteren, professionelleren, traumloseren Film gedreht. Nie hat er seine Effekte perfekter plaziert, seine Figuren berechnender hingebogen - und zugleich alles und alle verraten. In Time war zu lesen, Spielberg habe die "Jurassic Park"-Fortsetzung übernommen, um dem Film das Schicksal seines zu Tode weitergestrickten "Weißen Hais" zu ersparen. Diese Mühsal hätte er sich schenken können. "Vergessene Welt" sieht aus wie der Film irgendeines Regisseurs - gut hundert Minuten lang. Dann kommt die Szene mit dem kleinen Jungen.

Bis dahin aber sollen wir glauben, daß neben der "Jurassic Park"-Insel eine zweite liegt, auf der "etwas" überlebt hat; daß hinter dem Saurier-Züchter Richard Attenborough, der sich vom Naturverkäufer zum Naturschützer gewandelt hat, ein zweiter Bösewicht (Arliss Howard) mit einem noch wahnwitzigeren Themenpark-Projekt aufgetaucht ist; und daß Jeff Goldblum abermals auszieht, die jurassische Welt in Ordnung zu bringen.

Den erbärmlichen Plot, den Michael Crichtons zweiter Dino-Roman erzählt, hat Spielbergs Drehbuchautor David Koepp auf seine Grundzüge reduziert: die Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Forscherteams und den Überlebenskampf der von Goldblum angeführten Kleinfamilie. Aber die Risse zwischen den hingeschluderten Handlungsfetzen der Crichton-Story kann auch der Meister des Märchens nicht flicken. Deshalb bombardiert er uns mit Dinosauriern. Alle fünf Minuten ein Stego- oder Brontosaurus, ein Velociraptor, ein paar Compsognathi oder ein Triceratops, manche mit großen, weichen Kulleräuglein, andere, wie der Tyrannosaurus Rex, mit bösem Tigerblick - und alle "noch wilder, noch echter, noch perfekter" (dpa) als zuvor, so perfekt nämlich, daß sie auch jenen letzten Hauch von Unheimlichkeit verlieren, den sie in "Jurassic Park" noch besaßen. Die Monster unserer Kinderphantasien waren Fremdlinge; Spielbergs Dinosaurier sind alte Bekannte. Heute im Kino, morgen im Zoo.

Dann reicht es. Aber Spielberg reicht es noch nicht. Er hat die Großwildjagd aus Hawks' "Hatari!" nachgestellt, jetzt will er auch noch die "Godzilla"-Filme übertrumpfen. Deshalb schickt er die Dinos nach San Diego. Und wieder ist er noch perfekter, noch zynischer, noch gemeiner als alle seine Kollegen: brennende Tankstellen, zerquetschte Autos, abgebissene Gliedmaßen, kreischende Japaner ... und ein kleiner Junge, der photographiert. Hat er wirklich etwas gesehen, das an die Träume des Knaben Steven erinnert? Oder war es bloß ein Effekt? Die Antwort kennt nur das Kind.