"Man hat damals wie auch später und heute entschlossene Regierungsführung gefordert - Erzberger hat sie bei der Reichsfinanzreform gezeigt" Theodor Eschenburg

Der Finanzminister ließ kein Mittel ungenutzt, um den Widerstand der Länder gegen sein Reformvorhaben zu überwinden. Er führte ihren Vertretern drastisch den drohenden Finanzkollaps des Zentralstaates vor Augen, appellierte eindringlich an die Opferbereitschaft ihrer Landesregierungen, er versuchte es mit politischem Druck und materiellen Zugeständnissen. Und als es trotz aller Argumente, Pressionen und Kompromisse immer noch Widersacher gab, schreckte der Reichsfinanzminister nicht davor zurück, einzelnen Länderministern Spitzenposten in der Verwaltung anzubieten. Die Taktik war erfolgreich: Am 6. August 1919 billigte der Staatenausschuß bei nur drei Gegenstimmen aus Baden, Bayern und Sachsen den Gesetzentwurf für den erstmaligen Aufbau einer Reichsfinanzverwaltung.

Er war das erste von insgesamt sechzehn Gesetzen (siehe Kasten Seite 16), mit denen der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger die gesamte Finanzverfassung grundlegend reformierte und die er in nur neun Monaten durch Regierung und Parlament paukte. Gestützt auf einen gerade erst geschaffenen Verfassungsartikel, der die Kompetenzen für die Steuergesetzgebung weitgehend auf das Reich verlagerte, vereinheitlichte Erzberger das bis dahin völlig zersplitterte Steuerrecht der 25 Einzelstaaten, setzte eine weitreichende Umverteilung der Besteuerung zu Lasten der Wohlhabenden durch, trieb die Steuereinnahmen nach oben und sicherte dem Reich den Löwenanteil, indem er den Finanzausgleich mit den Ländern und Gemeinden neu regelte. Es war ein echtes Jahrhundertwerk, dessen Grundzüge bis heute das deutsche Steuerrecht und die Finanzverwaltung prägen.

"Ohne Sicherheit im Finanzwesen entwickelt sich kein Volk, blüht kein Staatswesen", erklärte Erzberger und kündigte im Juli 1919 - damals war er noch keine drei Wochen als Reichsfinanzminister und Vizekanzler im Amt - in seiner ersten Rede vor der Weimarer Nationalversammlung das umfassende Reformpaket an. "Es müssen mit möglichster Beschleunigung Steuergesetze verabschiedet und in Kraft gesetzt werden, damit die gewaltige Ebbe in den Steuerkassen des Reichs möglichst rasch beseitigt wird." Der Erste Weltkrieg hatte die Staatsfinanzen zerrüttet. Die Schuldenlast des Reichs aus den Kriegsanleihen belief sich auf 150 Milliarden Mark, allein der Schuldendienst war höher als die Ausgaben des Gesamtstaates im letzten Vorkriegsjahr 1913. Hinzu kamen noch die Reparationsforderungen aus dem Versailler Vertrag von 130 Milliarden Goldmark. Dabei war das Reich ein Kostgänger der Länder und verfügte kaum über eigene Einnahmen. Erzbergers Ziel war es deshalb, die Einnahmen des Reichs zu verneunfachen, die der Einzelstaaten und Gemeinden zu verdoppeln.

Doch der Finanzminister, der dem linken Flügel des Zentrums angehörte und sich stets als Anwalt der kleinen Leute verstand, wollte nicht nur die riesigen Etatlöcher stopfen, er wollte auch gerechte Steuern, die "jeden nach seiner Leistungsfähigkeit" erfassen. Das Reformprogramm war gewaltig, es reichte von einmaligen Belastungen der Steuerzahler durch Kriegsabgaben und Reichsnotopfer - sie sollten der Tilgung von Kriegsschulden dienen - über eine Reihe von Verbrauchsteuererhöhungen bis zu einem so anspruchsvollen Vorhaben wie der Abgabenordnung. Damit wurde überhaupt erst die gesetzliche Grundlage für eine einheitliche Besteuerung im ganzen Reich geschaffen.

Das weitaus wichtigste Einzelsteuergesetz war die Reform der Einkommensteuer. Mit ihr wurde der Wirrwarr einzelstaatlicher Regelungen mit teils kuriosen Auswüchsen beseitigt. So gab es bis dahin in Sachsen-Weimar kein allgemeines steuerfreies Existenzminimum, in Waldeck galt noch die Klassensteuer, in Sachsen-Meiningen existierte keine generelle Steuererklärungspflicht. Mal wurden Kindervergünstigungen verwehrt, mal extra eine "Junggesellen-" oder "Jungfernsteuer" erhoben. Zwar war in Preußen schon durch Finanzminister Johannes von Miquel 1891 - und danach in anderen Ländern - das bis heute gültige Prinzip verwirklicht worden, daß die Bürger nach ihrer Leistungsfähigkeit zu besteuern sind. Aber der preußische Spitzensteuersatz betrug bescheidene vier Prozent - für Jahreseinkommen über 100 000 (nach heutigem Wert etwa zwei Millionen) Mark.