Manchmal gibt es auch in politikverdrossenen Zeiten gute Nachrichten: Und es bewegt sich doch. In unserem Fall gilt die Erfolgsmeldung dem Betreuungsangebot für drei- bis sechsjährige Kinder, auf das seit dem 1. August 1996 ein Rechtsanspruch besteht. Las man allerdings in der vergangenen Woche die Würdigungen dieses Jahrestages, schien alles beim alten geblieben zu sein. Der Reflex der veröffentlichten Meinung zu diesem Thema ist offenbar auf Klagen eingerastet; also wurde pflichtschuldigst über die 300 000 Kindergartenplätze geklagt, die in Deutschland angeblich immer noch fehlen. Fehlen sie wirklich? Niemand kann das so genau wissen. Der Deutsche Städtetag hält die Zahl 200 000 für realistischer. Genaue Angaben gibt es nicht. Nur die lokalen Jugendämter könnten aus Angebot und Nachfrage einen Saldo bilden, doch zentrale Wartelisten werden vielerorts gar nicht geführt. Aussagen über die Versorgung basieren nicht selten auf fragwürdigen Hochrechnungen aus Bevölkerungsentwicklung und Kita-Kapazität.

Belegen läßt sich hingegen, daß seit 1992 rund 400 000 Kindergartenplätze neu eingerichtet wurden. Hinter vorgehaltener Hand sprechen Kommunalpolitiker und Verantwortliche der freien Träger sozialer Einrichtungen gar von Überkapazitäten - in Großstädten, wo bisher viel aufzuholen war. Allerdings gibt es stellenweise durchaus noch Mangel, Vertröstungen und Willkürentscheidungen bei der Platzvergabe.

An der grundsätzlich guten Nachricht ist aber nicht zu rütteln: Der vom Bund verordnete Neubauboom hat zu einer spürbaren Entspannung auf dem Kinderbetreuungsmarkt geführt. Wenn die letzten Lücken geschlossen sind, können die Jugendämter darangehen, die Qualität der Angebote zu verbessern. Das hieße zunächst, die Bedürfnisse von Eltern und Kindern - und zwar nicht nur von jenen, die bereits einen Kindergarten besuchen - zentral zu erfassen. Eine koordinierte Vergabe der Plätze würde mehrfache Anmeldungen überflüssig machen, zu denen Eltern heute oft gezwungen sind, weil sie nicht wissen, ob ihr Kind in einer bestimmten Einrichtung zum Zuge kommt. Dazu müßte allerdings die Autonomie der Kindergartenleitungen eingeschränkt werden - das ginge kaum ohne pädagogisch verbrämten Aufschrei ab.

Bestandsaufnahmen der Elternwünsche ergäben schnell, daß viele Ganztagsplätze am Nachmittag verwaisen - weil Eltern sie nur in Anspruch nehmen, damit ihre Kinder während der Mittagszeit versorgt werden. Eine intelligentere Lösung wäre, Mittagessen auch den "Halbtagskindern" zu geben. Die freiwerdenden Kapazitäten könnten sinnvoll genutzt werden: Denn nicht die Drei- bis Sechsjährigen sind heute schwer unterzubringen, sondern die ganz Kleinen und die Schulkinder. Wo Konkurrenz herrscht, zeigen sich manche Träger angesichts drohender Leerstände in dieser Frage schon flexibel. Ähnliches gilt zunehmend für die Öffnungszeiten. Ein Manko allerdings brachte im vergangenen Jahr eine Umfrage des Deutschen Jugendinstituts bei über neunzig Jugendämtern ans Licht: Eltern und Träger verständigen sich kaum über ihre Interessen. Was wird gewünscht, was kann geboten werden: Spielgruppen am Vormittag, Ganztagsplätze, Mittagessen?

Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz hat Kinderbetreuung von einem privaten Problem zu einem öffentlichen Thema gemacht. Den Schwung dieser Diskussion gilt es zu nutzen - allerdings nicht, um weiterhin formalistische "Ein Platz pro Kind"-Rechnungen anzustellen. Mehr als andere Politikbereiche braucht die Kinder- und Jugendhilfe Flexibilität und Phantasie, brauchen die Einrichtungen dort Selbständigkeit, wo sie nützt - etwa bei der Gruppeneinteilung. Es bleibt also viel zu tun. Es bleibt aber auch die Erkenntnis, daß Politik, ganz traditionell und einfallslos als Gesetzgebungsverfahren betrieben, die Lebensverhältnisse der Menschen immer noch verbessern kann.