An Festtagen ist manches so, wie es im Alltag nicht ist, vor allem in Rußland. Bis zur 850-Jahr-Feier vom 5. bis 7. September soll die Hauptstadt Moskau sauber und aufgeräumt sein. Der Hausputz beginnt im Zentrum mit einer Polizeirazzia. Gegenüber dem Parlamentsgebäude bieten junge Frauen in ultrakurzen Miniröcken auf stelzenhohen Absätzen ihre Dienste an. Davon haben Duma-Abgeordnete nicht im Traum Gebrauch gemacht, heißt es im Parlament. Doch trotz der odysseischen Abstinenz der Volksvertreter sollen die Sirenen der Nacht woanders ihr Lied singen. Die Polizisten bringen die Frauen auf die Wache, um ihre Papiere zu überprüfen und sie, wenn nötig, festzunehmen.

Die Prostituierten stören das adrette Äußere, das sich Moskaus patriarchalischer Gebieter Jurij Michajlowitsch Lushkow von seiner Stadt zum 850. Jubiläum wünscht. Der Bürgermeister mit Ambitionen auf das Präsidentenamt will ein Exempel seiner Schaffenskraft statuieren. Lushkows Planzielen schwitzen derzeit Hunderte von Bauarbeiterbrigaden, Heerscharen von Malern, Klempnern, Elektrikern entgegen. Kaum ein altes Haus im Zentrum, das nicht gerade entkernt und neu gebaut wird, kaum eine Fassade, die nicht fix mit Farbe übergossen, kaum eine Straße, deren respektable Krater nicht rasch mit einigen Kubikmetern Asphalt ausgegossen werden.

Moskau soll leuchten. Von diesem Ehrgeiz kündet vor allem der neugestaltete Manegeplatz zwischen Kreml und Parlament. Wo sich zu Breschnjews Zeiten ein Knobelbecherareal für Militärparaden ausdehnte, schmeicheln heute weiße Steinfliesen den City-Slippern. Marmorbalustraden geleiten den Flaneur die breiten Treppen hinunter, alle fünf Meter beleuchtet ein wuchtiger gußeiserner Kandelaber den Weg. Wer sich am Ende des Platzes umdreht, der mag die üppige Pracht von Lushkows Lampenladen auf sich wirken lassen. Jurij Michajlowitsch hat wirklich an nichts gespart. Und das soll jeder sehen.

In der Mitte des Manegeplatzes entsteht eine Weltuhr aus Surab Zeretelis Werkstatt naturalistischer Preziosen. Der Schöpfer des neuen Denkmals für Peter den Großen - ein Trumm aus Metall und Hybris an der Moskwa - wollte die großen Städte der Welt auf der Uhr verzeichnen. Leider kannte Lushkow nicht alle. Mit Rücksicht auf die geographischen Kenntnisse des Bürgermeisters werden jetzt nur die Hauptstädte aufgelistet.

Am Rande des Platzes kontrastiert der Hofbildhauer seine Uhr, Sinnbild universaler Zivilisation, mit einem zur Form geronnenen Raunen von Wildnis. Bronzene Bären, Störche und Fröschlein posieren putzig in einem künstlichen Bach. Wer Zereteli nicht liebt, muß ihn verabscheuen. Lushkow liebt ihn, das zählt.

Auf gleicher Höhe mit den fabelhaften Tierchen befindet sich ein Eingang zur dreistöckigen unterirdischen Manegepassage. Hier wird der Besucher in Zukunft seine City-Slipper nachkaufen können, sollten sie einmal durchgelaufen sein, und noch viel mehr wird den Neuen Russen geboten. Ein marmornes Einkaufsparadies entsteht unter dem Platz, der vor sechs Jahren noch den Namen der sozialistischen Oktoberrevolution trug. Zur Passage wird eine großzügig geschnittene Tiefgarage gebaut, in der die von einigen Moskauern geschätzten sechstürigen Cadillac-Limousinen mühelos um die Ecken kurven können.