Auch Schreiber erleben - selten - Momente des Glücks. So etwa - noch seltener -, wenn sie sich korrigieren müssen, wenn sie feststellen, sie haben einem Kollegen unrecht getan (was der oft gar nicht gemerkt hat). Mein Kollege ist eine Kollegin: Elfriede Jelinek.

Seit geraumer Zeit mißfiel mir ihre Arbeit. Erbost verließ ich die Hamburger Aufführung von "Wolken. Heim", abgestoßen vom Publikumsgegröle bei "Auf der Heide blüht ein Blümelein", gelangweilt von der zitierwütigen Ästhetik der Zusammenhanglosigkeit, dem Gelächter des Auditoriums, wenn jemand hinfällt, im Ohr Worte wie "Mitsorgtheater" oder "Murksgesang" zwischen den Zähnen. Noch wütender war ich nach "Stecken, Stab und Stangl", das wohl unbestritten in der Technik seiner Collage aus Wiener Boulevard-Klatsch verklebt.

Doch dann las ich ein paar Sätze der Jelinek: "Im Grunde ist es schon eine unerträgliche Kränkung, daß Leute einfach normal weitergelebt haben, nach allem, was passiert ist. Mir ist bewußt, daß diesem übersteigerten Moralismus nichts gerecht werden kann. Und mir ist bewußt, daß ich da besessen bin und auch ungerecht. Aber deshalb mache ich ja auch Kunst." Das war so klar, so genau, so unverhäkelt; das gefiel mir.

So las ich "zurück", alte Texte noch einmal, Gespräche - vor allem das gründliche mit dem jüngst verstorbenen Psychiater Adolf-Ernst Meyer -, und hatte Glück: Vor ein paar Wochen strahlte Arte einen Jelinek-Themenabend aus; die Frau war großartig. Ohne Heiner Müllers demütige Eitelkeitsgebärde, ohne die kokette Verweigerungsmaske des Botho Strauß, der uns vor lauter Medienverweigerungswut mit Photos auf seinem Sofa oder mit seinem Sohn belästigt, sprach da eine beeindruckende Schriftstellerin, gleichsam sich selber sezierend. Von ihrer Entscheidung für die Literatur als Racheakt an der Mutter; von ihrem fragwürdigen Gebrauch trivialer Mythen; von ihrem Kunstbegriff, mit dem sie den ewigen Mitmachern die Gefolgschaft verweigern will - "Meine Literatur funktioniert nur in der Gegnerschaft". Gott, war das gut!

Ich verordnete mir ein paar Tage lang Elfriede Jelinek - leider auch das feministisch geschminkte Geschwätz ihrer Interpretinnen, die sich zwischen "Ästhetik des Ekels" und "Ästhetik des Obszönen" aufschwingen zu vollkommen unverdaulichem Stuß: "Das für Jelineks Schreibweise von den Anfängen bis heute in unterschiedlichster Weise konstitutive sprachliche Verfahren der mythendestruierenden und ideologiezertrümmernden Umkehrung und Verschiebung vorgegebener Muster sowie das damit verbundene Vexierspiel von realitäts- und sprachbezogener Sprache ... produziert eine fundamentale ,Intertextualität' aller ihrer Texte."

Das hat die Autorin nicht verdient, die selber ganz lakonisch von sich sagt: "Ich selbst gehe nie ins Theater und habe von der Theaterpraxis überhaupt keine Ahnung. Offenbar schreibe ich ein sehr monomanisches, verbohrtes Theater." So schöne, ruhige Sätze hatte ich vergessen, wenn ich, angeödet von dem Tankstellen-Fick-Rokoko, aus dem Theter kam, zugetönt auch noch von dem Nachbeterinnenchor aus "weiblicher Sprache" und dem "weiblichen Ich".

Geradezu schlicht klingt ihre Beharrlichkeit, mit der sie das Recht für sich reklamiert, in ihrem Stück "Burgtheater" die Infamie der - um so schlimmer: großen - Schauspielerin Paula Wessely vorzuführen, mit der sie dem widerlichsten Nazifilm "Heimkehr" Glanz verlieh: "Paula Wessely hat schon 1947, glaube ich, vor GIs in Salzburg aus Max Reinhardts ,Rede an die Schauspieler' gelesen - und geweint dabei! Diese Verlogenheit: Eine Frau, die einerseits einem jüdischen Regisseur, der emigrieren mußte, ihre Karriere verdankt, und andererseits sofort nach Ende des Krieges sich ihm heulend wieder anverwandelt. Gegen diese Verlogenheit habe ich das Stück geschrieben."