Bystrzyca KIodzka - Die Gemeinde Bystrzyca KIodzka (Habelschwerdt) hat seit kurzem ein neues, trauriges Wahrzeichen: das von den wilden Strömen aufgerissene Schulhaus in dem Gebirgsdorf Wilkanów. Anfang des Jahrhunderts an einem munteren Bach gebaut, fügte es sich malerisch in die idyllische Landschaft des Glatzer Schneegebirges. Das zwanzig Kilometer von seiner Gemeindehauptstadt Bystrzyca entfernte Dorf hatte einen besonders guten Ruf. "Wilkanow gehört zu den besten Dörfern in dieser Gegend. Dort leben relativ junge Leute, die geglaubt haben, daß es sich lohnt, auch in diesen Bergen auf dem Dorf zu wohnen", sagt Bogdan Krynicki, der Bürgermeister der Stadt und Gemeinde Bystrzyca in der ehemaligen Grafschaft Glatz.

Wilkanów war am 6. Juli eines der ersten Opfer der heranstürmenden Wassermassen. Der sonst so ruhig plätschernde Bach Wilczka hatte sich in einen ungestümen Strom verwandelt. Die zweimal in den vergangenen Jahrzehnten verstärkte Talsperre in Miêdzygórze hielt zwar stand, aber die Fluten stürzten über die Dammkrone das Tal hinunter. Eine neun Meter hohe Welle zerschmetterte alles, was ihr in den Weg kam, unterspülte die Ufer, entwurzelte Bäume, riß Brücken und Häuser mit sich, pflügte Straßen zu Korkenziehern um und begrub Kornfelder unter einer dicken Schicht aus Steinen und Schlamm. Ähnlich war es an vielen anderen Nebenflüssen der Glatzer Neiße. Die Folgen sind verheerend. Allein in der 23 000-Einwohner-Gemeinde Bystrzyca sind 20 Wohn- und 47 Wirtschaftsgebäude völlig zerstört, über 100 weitere Häuser müssen aufgrund der schweren Schäden vielleicht noch abgerissen werden. 540 Gebäude standen unter Wasser, hinzu kommen 455 zerstörte Brunnen, 70 Brücken und 60 Kilometer Straße sowie überschwemmte Schulen, Bibliotheken, Kirchen. Die Schäden belaufen sich schon jetzt auf rund 61 Millionen Mark mehr als das Sechsfache des Jahresetats der Gemeinde.

"Bei uns war das ein Raubüberfall, schnell und heftig, weiter flußabwärts ist es ein Stellungskrieg gegen das Wasser, langwierig und zermürbend", sagt Bogdan Krynicki. Und so unterschiedlich sind auch die Folgen der Überschwemmung in Polen. Während Ssubice, gegenüber von Frankfurt an der Oder, dem Hochwasser standhält und wie in Deutschland der Oderbruch von den Medien zum Symbol für die siegreiche Abwehr der Fluten stilisiert wurde, stehen siebzig Kilometer weiter südlich im Raum Zielona Góra (Grünberg) viele Dörfer unter Wasser. Hier gab es keine riesige Welle, hier hatte man auch Zeit, sich vorzubereiten, Möbelstücke auf den Dachboden zu schaffen, Vieh zu evakuieren. In Osiecznica bei Krosno Odrza¤skie (Crossen), einem Dorf mit etwa einhundert Häusern gegenüber der Bobermündung in die Oder, stehen noch dreißig Häuser im Wasser, seit zwei Wochen. Einige von ihnen - in den zwanziger Jahren billig gebaut - beginnen in sich zusammenzufallen.

"Die Katastrophe bei uns ist schleichend", heißt es im Krisenstab von Zielona Góra, "in Krosno werden womöglich Dutzende Häuser abgerissen werden müssen, obwohl man ihnen heute nichts ansieht." Ein weiteres Problem sind die in einer giftigen Brühe stehenden Felder, Gärten und Wiesen. So wie in Laski, einem Dorf in der Nähe von Zielona Góra. Bis zur Oder sind es hier nicht einmal 200 Meter, doch als verheerend erwies sich für die Einwohner der "Stinkbach", die Abflußrinne von Zielona Góra. Der Damm brach, und die zum Strom angeschwollene Rinne ergoß sich über das halbe Dorf, darunter auch die Schule.

Das Hochwasser verändert die Menschen, die Solidarität schwindet mit der Zeit dahin, jeder ist zunehmend auf sich gestellt, mitunter machen sich auch Argwohn und Neid breit. "Ich verstehe nicht, warum selbst die nach Hilfe schreien, die gar nicht überschwemmt worden sind", meint Ryszard Warszawski. Die Helfer werden müde, man gewöhnt sich an die Katastrophe. Am Ende bleiben die Opfer allein zurück, oft von den Folgeschäden überfordert, mal wütend, mal resigniert.

Am schlimmsten trifft es die Alten. In Z§elazno (Eisersdorf) bei Bystrzyca sitzt ein 82 Jahre alter Mann gebrochen vor seinem Haus. Der erste Stock ist weiß getüncht und liebevoll eingerichtet, das Erdgeschoß total verwüstet und "leer geschwemmt". Drei Tage lang harrte das Ehepaar Piwowarczyk im ersten Stock aus und erhielt Hilfe per Seil. Heute ist der Zusammenhalt der Nachbarn ebenso dahin wie der wunderschöne Garten. Es gibt Streit um Hausrat und massive Holzbretter, die Franciszek Piwowarczyk gerade erst für seine Diele gekauft hatte und die zum Nachbarn abtrieben. Der will sie nun nach mittelalterlichem Brauch behalten, als Entschädigung für seine Verluste. Gezänk und Eigennutz vermischen sich mit Apathie und Verzweiflung. Eine Naturkatastrophe zerstört nicht nur die materielle Habe der Menschen, sondern oft auch ihre Psyche. Wie eine Vergewaltigung hinterläßt sie bleibende Schäden.

Sowohl die durch den "Raubüberfall" in den Bergen als auch die durch den "Stellungskrieg" gegen das Wasser in den flachen Oderregionen Geschädigten brauchen langfristige und wohlüberlegte Unterstützung. Die erste Hilfswelle, die spontane Sammlung von Kleidung, Lebensmitteln, Medikamenten und die Bereitstellung von Notquartieren, hat ihren Zweck weitgehend erfüllt. Um die Großprojekte wie die Ausbesserung der Fernstraßen und die Neuregulierung der Flüsse wird sich der Staat kümmern. Was die Polen jetzt benötigen - sagt die Stadtverwaltung von Bystrzyca -, ist neben finanzieller Hilfe vor allem Know-how. "Sicher brauchen wir Geld", erklärt der Bürgermeister Bogdan Krynicki, "noch mehr aber gute Raumplaner und Finanzexperten, die uns eine Zeitlang bei der Projektierung und der Kostenaufstellung für umweltfreundliche und landschaftsgerechte Straßen, Brücken und Stauwehre helfen. Diese Gegend muß so wieder aufgebaut werden, daß sie ihren Stil behält und nicht ihren touristischen Wert durch Fehlplanungen und Provisorien - wie in den vergangenen fünfzig Jahren so oft geschehen - verliert. Das kann den Menschen wieder Vertrauen geben und sie an ihre Heimat binden."