Ich hab's geschafft: Ich bin Coverboy im Hamburger Abendblatt, in Farbe, und das mir, dem letzten freilebenden Springer-Boykotteur. Neben dem Photo von mir (pausbäckig, ausgefressen, das fleischgewordene gesunde Volksempfinden) steht, falsch zitiert: "Diese Reform ist doch subventionierte Legasthenie! Man sollte sich da immer fragen: Wem nützt es? Die einzigen, die davon profitieren könnten, sind doch die Schulbuchverlage." Das habe ich doch niemals gesagt. So oft sage ich doch gar nicht "doch". Doch, doch, das würde ich doch merken. Innen, auf Seite 10, ist noch mal ein Riesenphoto von mir, diesmal eher listig und ganz natürlich, mit einem Stück Holz in der Hand. "Ganz natürlich; nehmen Sie doch ein Stück Holz in die Hand", hatte der Photograph gerufen. Unter dem Photo steht: "Der Hamburger Übersetzer und Autor Harry Rowohlt genießt die Schadenfreude über den Streit und meint: ,Diese Reform ist doch subventionierte Legasthenie!'" Außer meinem Riesenphoto aus Künstlerhand gibt es noch sieben kleinwinzige Paßbildchen von Günter Grass ("Von mir ist inzwischen zum Thema Rechtschreibung alles gesagt."), Regula Venske ("Die Reform ist ein Kulturverlust und inkonsequent."), Walter Kempowski ("Die Weimarer Richter haben einen Knall."), Matthias Beltz ("Nur Wickert kann uns noch retten!"), Marcel Reich-Ranicki ("Ich muß mich mit Literatur beschäftigen.") und Arno Surminski ("Die Reform jetzt noch zu bremsen, wäre fatal.").

Besonders liebe ich natürlich das vergnatzte "Ich muff mich mit Literatur befäftigen". Nicht auszudenken, was die Literatur, sich selbst überlassen, anstellen würde.

Von mir ist zwar, ähnlich wie von Günter Grass, inzwischen auch alles zum Thema Rechtschreibreform gesagt worden, es war aber nie ein Multiplikator dabei ... Doch! Im Februar oder so habe ich dem Wiener Kurier gesagt: "Orthographie und Interpunktion waren immer das einzige, was ich einigermaßen beherrschte. Wenn diese beiden Tugenden plötzlich nichts mehr gelten, stehe ich vor dem Nichts. Ich kann ja nicht mal ordentlich skilaufen." Dieser Sachverhalt war wiederum Focus, dem modernen Nachrichtenmagazin, viel zu kompliziert; liebend gern hätten sie das Zitat gebracht, es kamen aber zu viele schwere Wörter drin vor, Focus schrieb das übliche Burda-Blech und stellte mich bei der Gelegenheit als "Übersetzer des Märchens ,Pu der Bär'" vor. Daraufhin schrieb ich einen Leserbrief, der offenbar zu lang war, um abgedruckt zu werden: "Aha. ,Pu der Bär' von Alan Alexander Milne ist ein Märchen. Und die Bibel ist eine Novelle. Und Focus ist ein modernes Nachrichtenmagazin." Nächstes Mal schreibe ich nur "Aha". (A - H - A wird das geschrieben.)

Und anstatt nun dreimal zu zitieren, was ich (so) nicht gesagt habe, hätte das Abendblatt einmal zitieren können, was ich gesagt habe (und viel Platz gespart). Dieses aber war: "... und wenn die Schulbuchverlage jammern, die geplatzte Reform sei ihr Ruin -, es ist ohnehin Zeit zur Gründung neuer Schulbuchverlage. Und sobald von mir verlangt wird, ,Spaghetti' ohne H zu schreiben, werde ich immer gnadenlos ,Spadschetti' bestellen."

Oder ich falle ins andere Extrem und sage alles so korrekt, daß die Etymologie ständig weiß mitrauscht: "Du sitzt, glaube ich, auf meiner Berylle." (Und dann diese Zumutung, daß Appositionen nicht mehr durch Kommata vom übrigen Satzgefüge abgetrennt werden. Das ist wie Klammer auf und nie wieder zu

Die Seelchen, die diese Rechtschreibreform erfunden haben, sind graue Gesellen, die noch nie mit Genuß ein Buch gelesen und noch nie einen wohlklingenden Satz gesprochen haben. Am schönsten hat es ein Leserbriefschreiber im Spiegel formuliert: "Wenn ,liebhaben' auseinandergeschrieben wird, dann hört auch das Liebhaben auf." Das ist so gut gesagt, da beschlägt einem doch die Berylle.