Jetzt hat die Säbener Straße wieder einen Sinn, der Betzenberg kreißt, das Ulrich-Wunderland-Stadion lebt: Der Fußball kehrt heim, die Bundesliga geht los. Uns kam es allerdings so vor, als hätte sie in diesem Sommer durchgearbeitet. Als die Kicker sich auf die Golfplätze, in die Geldspeicher und zu ihren Tagebüchern zurückgezogen hatten, war uns Nichtspielern aufgefallen, daß Lothar, Lars, Andy, Olaf, Kalle und Fredi im Geiste noch bei uns waren: Wir redeten plötzlich wie sie - spielerisch, dynamisch, uneigentlich. Ganz normale Menschen sagten "ich sag' mal", ehe sie was sagten, und "sag' ich jetzt mal", nachdem sie was gesagt hatten. So spricht der Fußballprofi im Interview. Mittlerweise spricht so der Politiker im Parlament, der Anwalt beim Plädoyer, der Lehrer im Unterricht. Man hat keine Meinung mehr, man positioniert eine Anwesenheitsmeldung.

Ältere Gewährsleute erinnern sich, alles habe vor Jahren mit einem Stürmer aus Dortmund begonnen, der einen Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" im wesentlichen mit den Äußerungen "ja gut" und "ich sag' mal" absolviert habe. Diese feine Einzelleistung habe normenbildend gewirkt. Andere behaupten, erst jetzt, da Franz Beckenbauer das Herz des Fußballs im Westen ertastet hat, sei das Kohlenpottidiom bundesweit durchgesetzt. Ja gut, ein Volk, das an jedem Feierabend ein Trainingsinterview mit Olaf Thon erleben darf, wird, sag' ich jetzt mal, irgendwie selbst ein bißchen Olaf Thon.

Der Kicker im Interview ähnelt dem Pantomimen, der eine Rede halten soll. Er beherrscht die Grammatik der Körpersprache, den Konjunktiv der Schwalbe, den Imperativ der Blutgrätsche und das Plusquamperfekt der Abseitsfalle. Er beherrscht nicht das Zusammenspiel von Hirn und Zunge. Ein Organ ist immer schneller als das andere. Meistens, Verzeihung, hat die Zunge die Nase vorn.

Gerade deshalb darf der Fußballer öffentlich reden, am besten dauernd. Deutschland braucht seine O-Töne als Puffer zwischen den Werbeblöcken. In der Not haben Spieler und Reporter ein Konversations-Pidgin entwickelt, welches nach folgendem fesselnden Schema funktioniert: Der Reporter fragt "gell?", der Spieler sagt "ja gut!"

Das gibt es auch als Buch. Wir nehmen zur Hand: "Lothar Matthäus - Mein Tagebuch" (Sport Verlag, Berlin). Wir schlagen auf: Seite 205, 29. März 1997. FC Bayern gegen Werder Bremen: "Es ist ein ganz hartes Stück Arbeit. Schon nach 20 Minuten sage ich zu Helmer: ,Thomas, wenn wir die drei Punkte einfahren, können wir glücklich und zufrieden sein.' Thomas sagt nur: ,Das ist Gedankenübertragung. Ich wollte dir gerade dasselbe sagen.'"

Gedankenübertragung funktioniert live am besten. Zu sich selbst kommt der Sportler im Fernsehstudio. Er ist nicht berühmt, weil er redet, sondern er redet, weil er berühmt ist. Hier stehe ich, ich kann nicht anders? Nein: Hier sitze ich, ich kann nicht. Also betreibt er Sprechblasenaufpumpen mit Ansage, Konversation mit beschränkter Haftung, Denken aus massierter Abwehr: "Ja gut!" Derart artikuliert sich Spielermaterial, wenn es Persönlichkeit zeigt: Ich sag' jetzt was, ich weiß allerdings nicht, ob ich es auch meine.

Fragt sich nur: Warum kopiert ganz Deutschland den tautologischen Zero-Talk, als säßen wir gemeinsam bei "Ran"? Offenbar ist der Flachspaß das herrschende Kommunikationsmodell geworden: "Und sonst?" - "Auch super!"