Fast wie ein Computerspiel mutet das sommerliche Gerangel auf der Bonner Bühne an - dramatisch und unwirklich zugleich. Wer angesichts der verfahrenen deutschen Lage nichts anderes vorzuschlagen weiß als sofortige Neuwahlen oder seine Hoffnungen auf einen Regierungswechsel im Herbst 1998 setzt, der zeigt, wie sehr er die Realität aus den Augen verloren hat. Zwar könnte das Volk die Politiker austauschen, aber die Politiker können sich kein anderes Volk wählen. Beide zusammen sind das Problem. Jene Mehrheit im Bundestag, die politisch den Mut und die Kraft für den dringend nötigen strukturellen Umbau aufbrächte, käme im Herbst 97 sowenig zustande, wie sie in einem Jahr wahrscheinlich ist. Ganz gleich, ob christlich-liberale oder rotgrüne Regierung: Die Mehrheiten wären so knapp, daß es allenfalls fürs Verwalten reichte, nicht aber für Jahrhundertreformen. Und wie illusorisch die Hoffnung auf eine große Koalition bleibt, wird dieser Tage hinreichend deutlich.

Nicht nur die Politik ist, wie soeben die Dauercharade Steuerreform oder die Kabarettnummer Rechtschreibreform beispielhaft vorgeführt haben, zum Umsteuern unfähig. Das ganze einst gepriesene System Bundesrepublik ist verstopft. Wie in einem gigantischen Verkehrsstau haben die Vehikel unserer Demokratie sich ineinander verkeilt, die Ampeln blinken noch vor sich hin, aber nichts bewegt sich mehr.

Das ist, wie man es dreht und wendet, die schwerste Krise in den fast fünfzig Jahren der Republik. Schwere Wetter hat es auch früher gegeben. Aber in einem, dem zentralen Aspekt unterschieden sie sich alle von der heutigen Lage: Damals funktionierte das System, die Politik hatte Spielraum für die notwendigen Antworten. Heute, im zugezurrten Deutschland, gibt es diesen Spielraum kaum noch.

Gewiß, unsere Volksvertreter können sich von der Schuld für diese Misere nicht freisprechen. Allzulange sind sie den bequemen Weg gegangen. Mögen Helmut Kohl und seine Mannen ihre Steuerreform jetzt auch als "Königsweg zu Investitionen und Arbeitsplätzen" verkaufen, mehr als ein Reförmchen war sie nie, ein richtiger erster Schritt, aber nicht mehr. Das Projekt wurde nur deshalb zum Symbol für einen Neuanfang, weil Oskar Lafontaine und die SPD-Mehrheit im Bundesrat darauf verzichteten, sich ernsthaft damit zu befassen, wie die Arbeit in Deutschland wieder billiger und deshalb mehr werden könnte. Der Unions-Vorwurf trifft hier zu: Die SPD blockiert. Aber sie verhindert kein Jahrhundertwerk, sondern eben Stückwerk.

Politikerschelte allein reicht jedoch nicht aus. Denn die Unbeweglichkeit ihrer Vertreter entspricht dem Beharrungswillen der Bürger. Das Bewußtsein, es könne so nicht mehr weitergehen, ist sicherlich weit verbreitet. Es fehlt auch nicht an ermutigenden Beispielen für neues Denken und Initiative in Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaft und Kommunen. Doch zu oft stellen zu viele für die notwendigen Anpassungen Sonderbedingungen, und die lassen sich nicht mehr unter einen Hut zwängen. Insofern hat Bundespräsident Herzog recht: Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Weil sich die Bürger verzettelt haben, tun es die Politiker ebenso.

Zur Immobilität erstarrt ist die bundesdeutsche Gesellschaft erst in den neunziger Jahren. Uns im Westen ging es ja lange gut. Eine florierende Wirtschaft, sozialer Zusammenhalt und politische Stabilität waren die stolze Trikolore der Bonner Republik. Und als ihr Land auch noch vereinigt wurde, waren die Deutschen, wie es der damalige Berliner Bürgermeister formulierte, in diesem historischen Augenblick das glücklichste Volk der Welt.

Was ist seither schiefgegangen? Haben wir uns mit der Vereinigung übernommen? Ach ja, wie prächtig ginge es den Westdeutschen doch, wären ihnen die tausend Milliarden Mark, die seit 1990 in die neuen Länder geflossen sind, geblieben: kein Loch in der Rentenkasse, keine Einschnitte im Gesundheitswesen oder bei der Sozialversicherung, und die drei Prozent Haushaltsdefizit für Maastricht schafften wir mit links!