Gelegentlich sehe ich einen Hubschrauber über der Stadt fliegen. Für einen Augenblick sehe ich ihn taumeln, seitwärts kippen und in die Tiefe schlingern. Der Moment geht vorüber, und ich sehe den Hubschrauber weiterfliegen, als sei nichts geschehen. Und das ist gut so. Ich bin kein schlechter Mensch, der Hubschrauber herabregnen läßt, um sich an der Panik der Passagiere zu weiden, am Aufschlag der Maschine, am Flammenmeer, das unweigerlich losbrechen würde. Nein, ich wünsche jedermann, ob im Helikopter, im Flugzeug oder im Auto, eine gute Reise. Meistens passiert ja auch nichts.

Manchmal aber doch. Plötzlich tut sich ein Abgrund auf, und dann ist man schon einen Schritt weiter, mitten im Abgrund, im Sturz, aus dem es keine Rettung gibt. Wer es erlebt hat, vergißt diesen Bruch in der Wirklichkeit nicht. Erstaunlich viele Leute trifft man, die darum wissen, die überlebt haben, was nach menschlichem Ermessen nicht zu überleben war. Ihre Lebensgeschichte hat einen tiefen Einschnitt, der das Vorher vom Seither scheidet. Sie erinnern sich nicht oft an jenen Moment, doch gelegentlich schießt die Erinnerung hoch, manchmal hilft man ihr sogar auf die Sprünge. Ich benutze gern ein Benzinfeuerzeug, es vergegenwärtigt mir beim Anzünden einer Zigarette den Geruch des Flugbenzins, das aufspritzte, als jener Hubschrauber in der Sahara gegen eine Felswand prallte und in Flammen aufging.

Wir lagerten damals an den Ausläufern eines riesigen Steingebirges im südlichen Algerien, das seit abertausend Jahren von den Winden der Wüste zersägt und zersandet worden war. Diese unerbittlichen Winde hatten das Gebirge nicht gleichmäßig abgetragen, sondern tiefe Schneisen und Schluchten in den Fels geschlagen. Der dunkelrote Stein ragte in schauerlich verzerrten Formen auf. Die Winde teilten die Wüste jäh zwischen Stein und Sand. Der Sand trieb in weichen Wellen hin. Der Fels hockte starr und beharrlich und konnte doch seinem Schicksal nicht entgehen, irgendwann in das Sandmeer getragen zu werden.

Nachdem wir den vierten Tag durch die Sahara gefahren waren, ging ich, begleitet von zwei Mitreisenden, in die Nacht hinaus. Die Berge traten zurück, eine Ebene breitete sich vor uns hin, und über uns rollte der sternendurchschossene Himmel. Winzige Gestalten, ließen wir uns endlich nieder. Nirgendwo sah ich den Nachthimmel gewaltiger als an jenem Ort. Gleißend verströmten die Sterne ihr Licht. Der Mond mit seinen leeren Meeren schien zum Greifen nah, doch wagte ich nicht, die Hand zu heben. Kein Windhauch regte sich, wir sprachen nicht, wir atmeten kaum.

Das Firmament öffnete sich uns immer weiter, je geduldiger wir schauten, gab uns immer neue und fremdere Sterne preis, Bündel und Ströme von leuchtenden Punkten. In unfaßliche Entfernungen und Annäherungen glitt mein Blick, und irgendwann schien es mir, als redeten die Milliarden Hirnzellen meines Kopfes mit den Milliarden Himmelssternen. Diesem stillen, ozeanischen Gespräch war ich nur ein staunender Zuhörer. Auf dem Boden der Wüste saß ich und spürte, wie sich die Erde unter mir und mit mir bewegte. Langsam rollte sie dem Morgen entgegen, am Horizont stürzten immer neue Lichtströme heran, das Schweigen des Alls dröhnte in meinem Kopf. Und in jener Nacht, ins Lager zurückgekehrt, träumte ich nicht, kaum schlief ich, eher dämmerte es durch mich. Ich hatte mich verloren und fehlte mir nicht.

Am nächsten Morgen wurden wir zur Eile angehalten. Das Lager wurde rasch aufgelöst, wir fuhren zurück zum Flugplatz der Oase Djanet, wo zwei Hubschrauber warteten, die uns auf ein Felsplateau fliegen sollten. Hubschrauber waren mir zuwider, seit ich bei einem Rundflug über die Steilküste von Kauai vor allem die Brechtüte wahrgenommen hatte. Aber diese Maschinen machten einen robusten Eindruck, es waren sowjetische Militärhubschrauber, die für große Entfernungen eingesetzt wurden und einer ganzen Mannschaft Platz boten. Die Piloten rückten ihre Sonnenbrillen zurecht. Wir stiegen ein, die riesigen Rotoren begannen sich zu drehen, wir hoben ab, der Flug zum Felsplateau dauerte eine Viertelstunde.

In der Mittagshitze wurden wir auf diesem Felsplateau, weit über der Wüste, zu Felszeichnungen geführt, die Tausende Jahre alt waren und streng geformte Menschlein zeigten. Wir alle waren von der nackten Hitze bald zermürbt und ruhten uns schließlich in einer Höhle aus, tranken Wasser und aßen Salat, während wir auf die beiden Hubschrauber warteten, die uns abholen sollten. Unser Tagesplan war straff - für den Abend war eine folkloristische Darbietung vorgesehen, am nächsten Morgen sollten wir weiter nach Ghardia fliegen, um einen Eindruck von der Kultur des M'zab zu bekommen, ehe wir über Algier nach Deutschland zurückkehren sollten. Ein dunkles Pochen kündigte uns endlich die Helikopter an.