Troubky/Ztor - Zwei Dörfer sind aus den Fluten aufgetaucht. Wer Zator besucht oder Troubky, sieht den Anfang nach dem Ende.

Seien Sie nicht scheu, kommen Sie nur herein!" ruft die Frau auf die Straße herüber und winkt. "Nur herein!" Herein ist da, wo einmal etwas war. Wo ein Haus stand. Ihr Haus. Fünf Schritte, und man ist Gast auf einem planierten Trümmerfeld, zu Gast bei Miloslava Dockalova. Die Hausfrau, in Gummistiefeln und Leggings, bewegt sich auf ein paar Quadratmetern gefegten Betons. Sie geht durch Türen und schreitet Räume ab, die nur ihre Erinnerung kennt. Gewohnheit vielleicht. Oder Widerwille, sich in die Realität zu fügen. Was die Wassermassen nicht brachen, schob vergangene Woche ein Bulldozer zu einem Haufen Geröll zusammen. Einzig der Schuppen im Garten ist Miloslava und ihrem Mann geblieben und damit ein kleiner Vorrat eingemachter Früchte.

Bosnien, haben die Bewohner von Troubky gesagt, als sie das Dorf erstmals trockenen Fußes wieder betreten konnten, so ähnlich müsse es in Bosnien aussehen. Ganze Straßenzüge liegen in Schutt und Schlamm. Das Wasser unterspülte die Fundamente, ließ die Wände bersten und die Decken einstürzen. Was stehenblieb, hat eine Schmierschicht schulterhoch überzogen. Die Schmutzwassermarke war die Frontlinie.

Von Nordwesten aus dem Altvater- und von Nordosten aus dem Odergebirge ist der Feind gekommen. Er heißt March, und er heißt Becva. Eigentlich zwei harmlose Flüßchen, die sich bei Troubky zu einem harmlosen Fluß vereinigen. Aber in jener Nacht, drei Wochen ist es nun her, da überrannte eine Flutwelle die mährische Ebene, wie sie kein Mensch erinnert und keine Chronik verzeichnet. So plötzlich brach das Wasser herein, daß jede Warnung zu spät kam. Doch wäre sie rechtzeitig gekommen, hätte ihr niemand geglaubt.

Miloslava und Josef Dockalova lagen im Bett, als sie Lärm in der Straße hörten. Das Wasser hatte schon den Vorgarten erreicht. Kaum eine Stunde später stand der Pegel weit über dem Fensterbrett. Josef holte seine vier Schweine aus dem Stall und trug sie auf den Dachboden. Als dort die Balken brachen, sprangen die Eheleute aus dem Fenster in jenen schwarzen See, in dem ihr Haus plötzlich zur Insel geworden war. 49 Menschen starben in Tschechien während der Flut, allein in Troubky waren es in jener Nacht 9, weil sie erst aufwachten, als ihr Haus einstürzte.

Seit das Wasser versickert ist, liegt eine graubraune Schmierschicht über dem Landstrich. Aus dem Morast quillt ein beißender Geruch empor, als sei Erbrochenes darin. Wasser zu trinken ist hier streng verboten; ebenso Kartoffeln oder Gemüse von den eingeschlammten Feldern zu ernten. Es herrscht Infektionsgefahr.

Aus ihrer Geröllhalde holen die Dockalovas verwertbares Material heraus und schichten es zu Stapeln auf - hier Balken aus dem Dachgestühl, dort Metallteile, hinter dem Schuppen saubergeklopfte Rotziegel. Ein jeder kann sehen: Es wird aufgeräumt und bald wieder aufgebaut. Vor fast jeder Ruine sieht es ähnlich aus. Überall das Geräusch von Schaufeln, Hämmern, Motorsägen. "Alle wollen bleiben", sagt Miloslava, "wohin sollten sie auch gehen?" Eine gestandene Bauersfrau ist sie, seit 33 Jahren im Ort; ihr Mann wurde in Troubky geboren, in jenem Haus, das nun ein Haufen ist. Mit 57 müssen beide von vorn anfangen. Doch wovon?