Biographien, die das Jahrhundert spiegeln, kommen im Fernsehen gut. Altes Filmmaterial evoziert versunkene Epochen, Statements von Zeugen, mit Jugendphotos unterlegt, schieben die Jahrzehnte ineinander, eine passende Tonspur beschwört auch klanglich alte Zeiten herauf - das kann Print so nicht. Um so bedauerlicher, daß Filme wie "Das kurze Leben des Robert Bialek" im Programm eher die Ausnahme bilden.

Freya Klier hat es unternommen, an den Widerstandskämpfer und Regimegegner zu erinnern, der mit knapper Not der Gestapo entrann, nur um von der Stasi ermordet zu werden. Bialek stammte aus Breslau, aus einer sozialdemokratischen Familie. Als die Nazis ans Ruder kommen und die Jugend vereinnahmen, gehört Bialek zu den wenigen Widerständlern. Er landet im Knast, erkrankt an Tbc, wird wegen Hochverrats verurteilt, entkommt, versteckt sich in Frauenkleidern. Die Rote Armee marschiert in Breslau ein, Bialek jubelt den Befreiern zu, beißt sich aber gleich auf die Zunge, als er sieht, wie die Sieger hausen. Dennoch wirft er sich mit Energie in den Aufbau: als Jugendfunktionär in Dresden, als Polizeiinspekteur in (Ost-)Berlin. Statt auf Ideologie und Linientreue setzt er auf Leistung und Initiative. Das wird höheren Orts nicht gern gesehen. Mielke versucht, den Idealisten zu stoppen. Als der gar noch gegen Wahlfälschung protestiert, wird er kaltgestellt und abgeschoben. Er gilt als Renegat.

Dieser Bialek ist ein anständiger Mensch und tüchtiger Bursche - und mehr: Er ist ein Selbstdenker. Er nennt die Lüge eine Lüge und die Gemeinheit beim Namen, und deshalb ist er nicht tragbar, weder für die Nazis noch für die Kommunisten. Tatkraft, gepaart mit Gewissen, das geht zuweit. Das schreckliche Deutschland, das dieses Jahrhundert mit seinen Katastrophen prägte, brachte auch Helden hervor, unbekannte, umgebrachte, deren Namen man höchstens geflüstert hat.

Auch das westliche Adenauer-Deutschland, in das Bialek geflüchtet war und das er nicht überlebte, bestand überwiegend aus Jasagern. "Weh dem Land, das Helden nötig hat ..." In Deutschland besinnt man sich wenigstens jetzt auf sie und anerkennt damit, daß man sie braucht und also moralisch noch längst nicht übern Berg ist.

Bialek setzte sich in den Westen ab, wurde prominenter BBC-Korrespondent, der über den 17. Juni tatsachengetreu statt bloß antikommunistisch berichtete. Mit seinem Interesse blieb er bei der Lage der arbeitenden Klassen. Das ertrug Pankow nicht. Als Mielkes Erzfeind dann noch versuchte, über die "Ostbüros" der SPD auf das Personal der DDR-Regierung Einfluß zu nehmen, war seine Uhr abgelaufen. Er wird nach Ost-Berlin verschleppt und getötet.

Freya Klier hat die Lebensgeschichte Bialeks detailgetreu und spannungsreich nacherzählt, sie hat auf die zeittypische Neutralität, die dem Gegenstand ja nicht immer frommt, verzichtet und ihren Ingrimm ab und an durchschlagen lassen. Das tut dieser Dokumentation keinen Abbruch - schließlich geht es in ihr um einen Helden, dessen Ermordung vertuscht wurde und spätestens heute Gefühle wecken darf.