Pech für die Deutsche Bahn AG . Just an einem der Tage, als der Inspektor der Stiftung Warentest (StiWa) am Bahnhof Berlin-Lichtenberg die Zugankünfte protokollierte, brach hier das Chaos aus. Ein Defekt legte die elektrischen Oberleitungen lahm. Nichts ging mehr. Ankommende Züge mußten zu anderen Stationen umgeleitet, steckengebliebene mit Dieselloks freigeschleppt werden.

Als unfreiwilliger Augenzeuge erlebte der Warentester zwar ein routiniert arbeitendes Technikerteam, das sich größte Mühe gab, den Schaden möglichst schnell zu beheben. Aber das Bahnpersonal reagierte eher hilflos und schaffte es nicht, den verärgerten Reisenden die nötigsten Informationen über Verspätungen und Anschlußzüge zu geben.

Mit ihrer großangelegten Untersuchung wollte die Stiftung Warentest die vollmundige Behauptung der Deutschen Bahn AG überprüfen, neunzig Prozent der Züge würden den Fahrplan einhalten. Zwei Wochen lang im Juni, von sechs Uhr morgens bis Mitternacht, sprinteten Mitarbeiter der StiWa auf zehn wichtigen Bahnhöfen von Gleis zu Gleis und notierten auf die Minute genau die Ankunftszeiten von insgesamt 14 926 Zügen.

Die Ergebnisse, die in der August-Ausgabe der Zeitschrift test (6,50 Mark) und in der Broschüre test Spezial "Fahren & Sparen" (9,80 Mark) dokumentiert werden, sind für die Bahn AG wenig schmeichelhaft. Zwar rollten immerhin 60 Prozent der Züge fahrplangemäß in die ausgewählten Bahnhöfe ein. Aber die Warentester waren tolerant und werteten Verspätungen von einer Minute noch als "pünktlich". Fast ein Viertel der Bahnen überschritt jedoch die avisierte Ankunftszeit um bis zu fünf Minuten.

Wer jemals bei den meist knapp kalkulierten Umsteigezeiten einen Anschlußzug erreichen wollte, weiß, wie entscheidend wenige Minuten sein können. Rund 14 Prozent der Züge waren zwischen sechs und zwanzig Minuten verspätet. Größere Fahrplanabweichungen (21 Minuten und mehr) kamen mit einem Anteil von nur 2,8 Prozent kaum vor.

Unter den Testbahnhöfen schnitt der Bahnhof Berlin-Zoo mit 61 Prozent verspäteter Züge am schlechtesten ab. Die Berliner City-Station mit ihren vier Gleisen ist dem rapide gewachsenen Verkehrsaufkommen seit der Wiedervereinigung nicht mehr gewachsen. Die kleinste Störung hat in Berlin-Zoo riesige Auswirkungen. Während die Verspätungen auf den anderen getesteten Bahnhöfen in Deutschland zwischen 26 und 56 Prozent pendelten, erreichten zwei Stationen im benachbarten Ausland die besten Ergebnisse: In Zürich und im Pariser Gare du Nord kamen nur 18 Prozent der Züge außer Plan an.

Der zweite Berliner Testbahnhof, Berlin-Lichtenberg, auf dem der Inspektor der Stiftung Warentest den Bahn-GAU erlebte, landete mit 41 Prozent im Mittelfeld. Denn die wegen der technischen Störungen zu anderen Bahnhöfen umgeleiteten Züge zählten nicht als "verspätet".