Die Fähre von Antigua kommt in stockdunkler Nacht herein. Dann geht ein Scheinwerfer an. Willkommen auf Montserrat. Morgen ist Sonntag, da treffen sich alle in der Kirche. Herr, gib ein Zeichen, wie lange das noch gehen soll.

Der Herr spricht von Sonntagmorgen bis Sonntagabend in den Kirchen von Montserrat, auch wenn sie als Notunterkünfte dienen. Die Schulen sind ebenfalls belegt. Und wo das nicht reicht, stehen Militärzelte. Zwei Drittel der karibischen Vulkaninsel, die zu den Kleinen Antillen gehört, sind zur Sperrzone erklärt, die Hauptstadt Plymouth evakuiert worden. Bleibt nur noch der Norden der Insel, wo das Leben weitergeht.

"Ah still holding on, still planting my banana", singt Arrow, der berühmte Sänger Montserrats. Andererseits kann es das nicht sein, was einen in Sichtweite der Katastrophe ausharren läßt.

Zum Beispiel hält Cedric Osborne sein "Vue Pointe Hotel" geöffnet, obwohl es in der Risikozone liegt. Die Luft schmeckt verbrannt, mineralisch. Von der Terrasse aus hat man freien Blick auf den Vulkan Soufrière. Bei entsprechender Wetterlage schickt er stoßweise Asche herüber, die durch jede Ritze dringt. Mittags im "Vue Pointe Hotel" tun alle so, als sei überhaupt nichts Besonderes los, der Besitzer, der Koch, die paar hartgesottenen Gäste.

Aber alle zwei, drei Minuten geht der Blick nach Süden, wo die linke Flanke des Vulkans sich in eine Masse aus grauem Eruptivgestein verwandelt hat. An ruhigen Tagen quillt Rauch empor. Nachts glüht es. Man hat den Eindruck, als obder Berg an irgend etwas Anstrengendem arbeitet.

In den achtziger Jahren war Montserrat ein Geheimtip. Kein Massentourismus, keine Kriminalität, eine Landschaft wie im Garten Eden, ein kleiner Inselstaat mit 12 000 Einwohnern. "Die Karibik, wie sie früher mal war", so warb man um Gäste. Paul Martin, der frühere Manager der Beatles, betrieb ein Tonstudio auf Montserrat. Die Popstars gingen ein und aus, Sting, Elton John, Eric Clapton, die Stones. 1989 kam Hugo. Hugo war ein Hurrikan der Klasse vier, was soviel heißt wie 240 Kilometer Windgeschwindigkeit pro Stunde. Hugo ging nicht einfach über Montserrat hinweg, Hugo blieb geschlagene vierzehn Stunden. Anschließend hatten die Bäume auf Montserrat keine Blätter mehr und neunzig Prozent aller Häuser kein Dach. Die Aufräumarbeiten dauerten Jahre.

Und dann erwachte der Soufrière. Ein tausend Meter hoher Vulkan, der länger geschlafen hatte, als die Überlieferung auf Montserrat zurückreicht. Im September 1995 verwandelte sich der Berg in ein speiendes Ungeheuer. Seitdem weiß jeder auf der Insel, was "pyroklastische Ströme" sind: Wie eine Lawine aus brennendem Schnee können glühende Gase, Staub und Asche zu Tal schießen.