Indiens Erlangung seiner Unabhängigkeit am 15. August 1947 nach fast zweihundertjährigem britischem Regime war der Auftakt zum Ende der großen westeuropäischen Kolonialreiche. Warum aber dieser Rückzug, obwohl doch klar war, daß das vom Krieg ausgelaugte und hochverschuldete Großbritannien seinen Großmachtstatus künftig nur würde aufrechterhalten können, wenn es sein Empire behielt? Und obwohl in der Ära des beginnenden Kalten Krieges ein offenkundiges strategisches Interesse des Westens bestand, seine Machtbastion in Südasien nicht preiszugeben? Verließen die Briten Indien aus freien Stücken, oder blieb ihnen keine andere Wahl? Verlief ihr Rückzug geordnet oder in chaotischer Auflösung? Und wie kam es zur Teilung des Subkontinents und zur Entstehung eines unabhängigen Staates "Pakistan"?

Diese Fragen sind in der historischen Literatur bis heute heftig umstritten.

Der Dissens beginnt bereits bei der Frage, ob die Freigabe Indiens eher das Ergebnis einer langfristigen und rationalen Planung seitens der Kolonialherren, also ein Akt britischer Staatskunst gewesen sei oder ob sie das erzwungene und schließlich unabwendbare Resultat des von der indischen Nationalbewegung ausgeübten Drucks darstellte, so daß Indien seine Unabhängigkeit aus eigener Kraft errungen hätte. Am ehesten vermag die Rückerinnerung an einige historische Hintergründe die komplexen Sachverhalte aufzuhellen: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die East India Company gegründet: England trat in den europäischen Wettbewerb um den Indienhandel ein. Bis zum Ende des Jahrhunderts verfügte es über Wirtschaftsenklaven in Bombay, Madras und Kalkutta. Als im 18. Jahrhundert das Mogulreich, das 1525 von einer turko-mongolischen Dynastie begründet worden war, zerfiel und 1757 Robert Clive den Statthalter des Mogulkaisers in der Schlacht von Plassey besiegte, begannen die Briten mit der Annexion eines Territoriums, das sie, einheimische Herrscher gegeneinander ausspielend, beständig erweiterten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts standen drei Fünftel Indiens unter direkter britischer Kontrolle, und die in nomineller Unabhängigkeit verbliebenen Fürstentümer waren britischer Oberhoheit unterworfen.

Nachdem 1857 eine Meuterei der von britischen Offizieren geführten indischen Armee und die nachfolgenden Volksaufstände blutig niedergeschlagen worden waren, reorganisierten die Briten auf tiefgreifende Weise ihre Herrschaft: Die East India Company wurde aufgelöst und Indien künftig von einem in Kalkutta, später in Delhi residierenden Vizekönig und einem dem britischen Kabinett angehörenden Indienminister regiert. 1877 ließ sich Queen Victoria in feudalem Pomp zur Kaiserin von Indien krönen. Die kolonialen Apologeten sprachen verklärend von der "Bürde des weißen Mannes", dessen historische Mission es sei, den zur Selbstregierung unfähigen Indern eine aufgeklärte Herrschaft westlichen Gepräges zu bescheren.

Im Jahre 1885 wurde der Indian National Congress gegründet, ein politischer Debattierclub westlich gebildeter Inder, welche die Interessen des Landes vor der Kolonialmacht zu vertreten suchten. Zunächst begnügten sie sich mit Bittschriften und Appellen. Seit 1905, als Reaktion auf die durch Vizekönig Curzon verfügte Teilung Bengalens, griff man auch zu Massenagitationen und zu terroristischen Gewaltakten. Schließlich, seit dem charismatischen Auftreten Mahatma Gandhis 1919, kam es zu Massenfeldzügen des gewaltfreien Widerstandes wie dem berühmten Salzmarsch von 1930.

Diese breite Volksbewegung, in der sich politische und religiöse Motive vermengten, erwies sich als wirkungsvolle Herausforderung des "British Raj" (der britischen Herrschaft). Hatte Großbritannien sich selbst und der Welt stets versichert, es regiere Indien mit der Zustimmung seiner Bevölkerung, so bezeugte der zivile Ungehorsam von Millionen Indern genau das Gegenteil und stellte damit die ethische Legitimität des Raj zutiefst in Frage.

Ausdrücklich verlangte Indien nun swaraj: Selbstbestimmung.