Es erwischte den 35 Jahre alten Wissenschaftler auf dem Weg nach Hause: Den Radfahrer traf eine Schranke im Nacken. Heftige Schmerzen waren die Folge. In den folgenden Wochen verstärkten sich die Beschwerden.

Röntgenaufnahmen zeigten eine Steilstellung der Halswirbelsäule. Eine Folge des Unglücks? Die Experten zweifelten. Schließlich läßt sich dieses Phänomen bei jedem fünften Menschen beobachten, auch wenn er nie einen Unfall erlitten hat und völlig gesund ist.

Auch genauere Untersuchungen ergaben keinen pathologischen Befund: Der Mann schien organisch gesund zu sein, obwohl er sich krank fühlte. Nach unzähligen Besuchen bei Neurologen und Psychiatern begann er, an der Kunst der Mediziner zu zweifeln. Der ehrgeizige Forscher hatte kurz vor dem Unfall einige berufliche Rückschläge hinnehmen müssen jetzt schmerzte der Kopf.

Konzentrierte Arbeit schien unmöglich, seine Karriere bedroht. Es mußte doch eine Erklärung für seine Beschwerden geben? Die Ärzte blieben ratlos und diagnostizierten "Zustand nach Schleudertrauma".

Dieses Phänomen stellt Mediziner vor ein Rätsel. Denn die diffusen Symptome des Schleudertraumas sind bei Unfallopfern ebenso zu beobachten wie bei gesunden Menschen. Und da liegt das Problem: Es ist bisher unmöglich, die Beschwerden zweifelsfrei auf einen Unfall zurückzuführen. Die medizinischen Gutachter sind in den meisten Fällen zerstritten, ihre Befunde widersprüchlich.

Die Diagnose "Schleudertrauma" ist inzwischen dem umständlichen Terminus "Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule" gewichen. In den siebziger Jahren teilte der Orthopäde Helmut Erdmann die Verletzung in drei Schweregrade ein, und gerade die scheinbaren Bagatellfälle ohne nachweisbare Verletzungen (Schweregrad 1) bereiten noch heute Patienten, Gutachtern, Richtern und Versicherungen heftiges Kopfzerbrechen.

Etwa zwei Drittel aller Ansprüche, die nach Verkehrsunfällen an die Versicherungen gestellt werden, beruhen auf Verletzungen der Halswirbelsäule, und nur in den wenigsten Fällen handelt es sich um schwere Verletzungen mit Wirbelbrüchen oder Querschnittlähmungen. Oft sind es vergleichsweise glimpfliche Auffahrunfälle, aufgrund deren Ansprüche an die Versicherungen erhoben werden. Nach Schätzungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft entstehen jedes Jahr nach Heckkollisionen im Straßenverkehr Folgekosten in Höhe von mehr als einer Milliarde Mark.