Ernst Christian Kluge diente einst als Kommandeur eines Panzerbataillons.

Dann hat er die Fronten gewechselt. Der Mann mit der kräftigen Statur und den zupackenden Händen hat sich als ehrenamtlicher Sicherheitschef, Kassenwart und Chauffeur bei der Sommerschule Wust unentbehrlich gemacht. Er sammelt die 2,50 Mark ein, die die 300 Schülerinnen und Schüler, meistens aus den östlichen Bundesländern, pro Tag fürs Campen auf dem Zeltplatz zahlen müssen.

Dafür können sie morgens Englisch lernen, nachmittags Konzerte besuchen und abends am Lagerfeuer sitzen.

Oberstleutnant a. D. Kluge sorgt dafür, daß sie dabei nicht belästigt werden, ruft bei seinem Kontrollgang über den Fußballplatz bleichen jungen Damen in schwarzer Grufti-Kluft aufmunternde Worte zu - und zwischendurch holt er mit seinem Daimler die Künstler und Referenten vom Bahnhof in Genthin ab. "Die Menschen hier sollen ein anderes Bild von Amerikanern, Engländern und Wessiemenschen kriegen." Ganz nebenbei bessert er noch sein eingerostetes Englisch auf.

Das hat Maria von Katte nicht mehr nötig: 1941 hier im "Kattenwinkel" geboren, Studium in Oxford, 1969 promoviert, seither wissenschaftliche Mitarbeiterin der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Jetzt hat sie Urlaub. Den nutzt sie seit 1991 dazu, während der Schulferien Leben in die verwaiste Dorfschule von Wust zu bringen. Das Nest ist ein Dorf wie Dutzende im Havelland: 550 Einwohner, eine Bäckerei, zwei Gaststätten und das Hotel "Schwarzer Adler". Nur im Sommer, wenn die Studenten kommen, weht ein Hauch von Harvard über die Gassen. "Das ist ein echter Höhepunkt im dörflichen Leben", betont Jörg Hellmuth, der stellvertretende Landrat. "Das ist ja auch Wirtschaftsförderung."

Begonnen hat es gleich nach der Wende. Damals überlegte man in der Gemeinde, wie die Kinder im Osten von der russischen auf die englische Sprache umgeschult werden könnten. Nichts leichter als das, fand Maria von Katte - für den Unterricht könne sie einen Studenten aus England schon besorgen. Der müsse nur in Wust beherbergt und verköstigt werden. Eine Idee, von der sich der Landrat gleich angetan zeigte. Die Dorfschule, das alte Herrenhaus schienen ideal als Unterrichtsraum.

Allerdings gab es ein Problem. Unverzüglich hoben achtzig Lehrerinnen und Lehrer aus der näheren Umgebung die Hand - sie wollten mitmachen, als Schüler, um Englisch zu lernen. Da reichte ein Student als Lehrkraft natürlich nicht aus, doch Maria von Katte ließ sich nicht unterkriegen. Sie bat einfach befreundete Professoren an englischen und amerikanischen, später auch an irischen Universitäten, geeignete Studenten ins Havelland zu schicken. Voraussetzung: passable Deutschkenntnisse und angenehme Umgangsformen - dafür Familienanschluß inklusive. Alles unter dem Motto: Begegnung der jungen Menschen aus verschiedenen Ländern.